Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 3 (März 1896)
- Article
- Eine Unterlassungssünde
- Date
- 1896-03-01
- Page
- 142 (sequence 2)
- Language
- German
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142 Im deutschen Reich. Aehnliches beklagt Eusebius in der Kirchengeschichte V, 1. (Vergleiche Kortholt, De calumniis paganorum in veteres Christianos spartis, Kap. 18. Kiel 1668; Semisch, Justin der Märtyrer, Theil 2. Breslau 1842.) Welchen Eindruck hätte es auf christliche Gemüther machen müssen, wenn damals heidnische Richter ausgesprochen hätten, diese Frage sei strittig, die Gelehrten seien uneinig. Wie muß es erst 1700 Jahre später auf das jüdische Gemüth wirken, wenn jetzt in der Zeit der Aufllärung christliche Richter solches in Bezug auf Juden aussprechen, wie tief muß es unser Herz verwunden!! Wir glauben, daß es nicht ohne Eindruck auf die Richter geblieben wäre, wenn man ihnen die erwähnten Stellen der christlichen Kirchenväter in's Gedächtniß gerufen hätte. Daß es nicht geschehen ist, halten wir für einen schweren Fehler." Der Redakteur der „Laubhütte" übersieht dabei, daß es Juden schwer fällt, überhaupt auzunehmen, deutsche Richter könnten ihnen ernsthaft einen Mord aus religiösen Gründen zutrauen oder in dieser Sache ein Urtheil fällen, ohne sich über die Bedeutung der angeblichen wissenschaftlichen Autoritäten der Antisemiten Klarheit zu verschaffen. Man mußte es als eine bekannte Thatsache annehmen, daß genau dieselben Beschuldigungen, welche von den Antisemiten gegen die Juden gerichtet werden, gegen die Christen der ersten Jahrhunderte und besonders gegen die Sekte der Montanisten gerichtet worden sind. In der von Waldemar Belk verfaßten „Geschichte des Montanismus" (Leipzig 1883, S. 58) heißt es: „Es ist übrigens auffallend, wie sehr sich die Gegner der Montanisten bemühten, jenen mit dem größten Ernste die unsinnigsten Gebräuche, ja sogar Verbrechen zur Last zu legen; und zwar im Allgemeinen solche, deren die Christen überhaupt angeklagt wurden. So warf man ihnen vor, sie hätten ein einjähriges Kind mit Nadelstichen verwundet, das Blut aus den Wunden herausgedrückt, dasselbe mit Mehl vermischt und Brod daraus gebacken. Diese grausame Behandlung sei aber nur am Passahseste verrichtet worden, gleichsam als Opfer und als Nachbild des Todes Jesu, dessen Stelle das unschuldige Kind vertrat. Von dem Brode