Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1896)
- Article
- Wie man von seinen Feinden Nutzen ziehen kann
- Date
- 1896-02-01
- Page
- 100 (sequence 3)
- Language
- German
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100 Im deutschen Reich. sorgfältig zu vermeiden. Was hindert uns, unfern Feind zum Lehrer anzunehmen, von dem wir zu unserem Nutzen lernen können, was uns unbekannt ist? Vieles wird der Feind eher inne als der Freund, denn die Liebe ist gegen den geliebten Gegenstand blind, bei dem Haß hingegen befindet sich nebst dem Vorwitz auch die Geschwätzigkeit." — Plutarch erklärt ferner, es sei nichts rühmlicher und anständiger, als bei den Lästerungen eines Feindes ruhig und gelassen zu bleiben. Auf diese Weise habe man Gelegenheit, Sanftmuth und Geduld, Aufrichtigkeit und Rechtschaffenheit darzuthun. Er empfiehlt außerdem, mit seinem Feinde im Unglück Mitleid zu haben und ohne Zaudern anzuerkennen, wenn er Thaten verrichtete, die des Lobes würdig sind. Der heidnische Schriftsteller lehrt hier ein Verhalten, das als höchste christliche Tugend gepriesen, aber wahrlich nicht von Denen beobachtet wird, die sich in der Verfolgung und Schmähung von Mitbürgern, welche sie sehr mit Unrecht als ihre Feinde bezeichnen, gar nicht genug thun können. Doch nicht mit diesen Leuten haben wir es jetzt zu thun, sondern mit der Frage, wie wir von ihnen Nutzen ziehen können. Ich wiederhole hierbei nur die Aussprüche Plutarch's: „Was hindert uns, unfern Feind zum Lehrer anzunehmen?" Wenn auch der Antisemitismus verwerflich ist, so sind nicht alle Anklagen, die er erhebt, ganz unbegründet; sie können es nickt sein, weil die Juden Menschen und als solche menschlichen Neigungen, Begierden und Leidenschaften unterworfen sind. Viele antisemitische Vorwürfe fallen aber auf Diejenigen zurück, von denen sie gemacht werden, denn die Ursachen jener Vorwürfe sind zumeist die nicht so schnell zu tilgenden Folgen jahrtausendelanger Bedrückungen. Trotz alledem sollte Niemand hochmüthig jeden Vorwurf als für ihn völlig unzutreffend abweisen, sondern die Angriffe der Feinde sich zur Selbstprüfung dienen lassen und zum Antrieb, in seinem Kreise dahin zu wirken, daß keiner der ihm nahe oder näher Stehenden irgend eine Handhabe oder eine Bestätigung der von den Antisemiten beliebten Anschuldigungen biete. Daß auf diese Weise unter den im deutschen Reiche lebenden Juden ein durchaus unsträflicher Wandel herbeigeführt, daß Verbrechen und Vergehen bei ihnen völlig ausgerottet werden könnten, ja, daß selbst nur alle jene Eigenthümlichkeiten, die man ihnen