Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1896)
- Article
- Umschau
- Date
- 1896-01-01
- Page
- 55 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschatt. 55 nicht der Beklagte auch als Privatkläger aufgetreten wäre. Er ist hierin unterlegen, und das Gericht hat es als gerecht angesehen, daß beiderseitig die Anwaltskosten getragen werden. — Von beiden Seiten ist Berufung bei dem Landgericht Marburg eingelegt worden. Wenn Antisemiten wegen Beleidigung des Judenthums freigesprochen werden, ist der Richter stets „ein wahrer Daniel", trifft dieselben eine Verurteilung, entblöden sie sich nie über Ungerechtigkeit zu klagen. So schreibt das „Badische Volksblatt" über den Prozeß Jskraut-Stengel: „Wir würden aber keinem Antisemiten nun etwa rathen, über jüdische Wucherer, Mädchenhändler, Bankerotteure, Güterschlächter, Preßbanditen und dergl. mehr sich einer ähnlichen, scharfen Ausdrucksweise zu bedienen. Wir sind überzeugt, daß dasselbe Schöffengericht in Marburg schwerlich seine noch so berechtigte Entrüstung über nachgewiesene Scheußlichkeiten als Grund für Straffreiheiten annehmen würde, denn — Antisemit — das ist ganz etwas Anderes." Vielleicht wandert der jugendliche Schriftleiter des „Badischen Volksboten", Herr; Adolf Schwaiger, demnächst nach dem Eldorado der Antisemiten, nach Wien aus. Dort ist Pfarrer Deckert, welcher angeklagt war, sich durch aushetzende Predigten gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung vergangen zu haben, am 14. Januar, nachdem die Geschworenen, angeheimelt von der Vertheidigung Deckerts durch den frischgetauften Juden Dr. Löw, sämmtliche Schuldfragen einstimmig verneint hatten, freigesprochen worden. In der „Domaine Luegers" ist eben das Hetzen „ka Sund!" Uebrigens scheint diese unselige Aera ihrem Ende nahe zu sein, da der Ministerpräsident Graf Badeni und der Finanzminister von Bilmski den Wiener Antisemiten gegenüber den nöthigen Ernst entwickeln, dem gegenüber die „Lust an der Hetz" niemals Stand hält. Uebrigens hielten Lueger und Consorten eS in den letzten Tagen noch für nöthig, im Abgeordnetenhause stürmisch auf baldige Ausschreibung der Gemeinderathswahlen zu dringen, wobei „unter zielbewußter Leitung" fast unglaubliche Skandalscenen stattfanden. In dieser Beziehung ist es ein Glück, daß noch immer das Wort zutrifft „Es giebt nur ein Wien!" A. L.