Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1895-12-01 · Heft 6 (Dezember 1895) · p. 317

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 6 (Dezember 1895)
Article
Vereinsnachrichten
Date
1895-12-01
Page
317 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2316602-2316604-2316610-2317912--00588-2317982
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vereinsnachrichten. 317 habe man die verfassungsmäßig verbürgten Rechte der deutschen Juden angegriffen. Mit der Einschränkung dieser Rechte im Verwaltungswege begnüge sich der 'in die Parlamente eingedmngene Antisemitismus nicht mehr, seitdem man ihn auch auf die Straße getragen hat; er verlangedaß man den Juden die ihnen verfassungsmäßig gewährleistete Gleichstellung wieder im Gesetzeswege nehme. Glücklicherweise trete eine starke Partei, welche Schädigungen durch die Majorität am eigenen Leibe erfahren, das Centrum, gegen diese Bestrebungen auf. Der Führer dieser Partei, Dr. Lieber, habe erklärt: „Für Ausnahmegesetze werden wir niemals zu haben sein!" Der Redner erklärte sodann, daß dem Wollen und Wirken des Gneist-Rickert'schen Vereins zur Abwehr des Antisemitismus die vollste Anerkennung zu zollen sei, aber es habe sich immerhin herausgestellt, daß der Schutz durch das Rechtsgesühl Andersgläubiger nicht ausreiche, die feindselige Bewegung einzudämmen. Die Erkenntnis dieser Lage habe vor 2l/>. Jahren die Begründung des Central - Vereins veranlaßt, der schon durch die Erhöhung des Selbstgefühls der Juden als nützlich und segensreich sich erwiesen habe, der schon jetzt als eine Stelle gelte, an welcher die jüdischen Stimmen stets Gehör finden und wo man erfahre, welcher Meinung die deutschen Juden sind. Seine Erfolge hingen aber davon ab, daß die deutschen Juden auch thatsächlich hinter ihm ständen. In dem bald verflossenen Jahre habe sich die Mitgliederzahl um die Hälfte vermehrt, verschiedene Gemeinden seien korporativ beigetreten. Dies sei um so erfreulicher, als der Verein noch gar keine besondere Agitation getrieben habe. Dies habe ihm nun den Anlaß gegeben, sich an die berufenen Vertreter der jüdischen Gemeinden mit der Bitte zu wenden, durch besondere Delegirte zu dem Central-Verein zu sprechen und uns mittheilen zu lassen, was in ihrer Heimath vorgehe und welche Art von Agitation dort die geeignetste sei. Am 6. Oktober habe eine solche erste Konferenz mit Vertretern schlesischer Gemeinden stattgefunden, welche dem Vorstande des Central - Vereins manche dankenswerthe Anregung verschafft habe. Der Redner wies dann nach, daß Viele, welche dem Vereine noch fern stehen, ihre Lauheit in jüdischen Angelegenheiten mit der Ausrede entschuldigen, das von den eingeschüchterten Gegnern erfundene, unschöne Epitethon „Denunzianten-Verein" halte sie zurück. Die Gegner seien nicht zu überzeugen, Leute solcher Art könnten nur durch Furcht vor Strafe an ihren Ausschreitungen gehindert werden. Der Verein geht aber neuerdings nur in besonders kräftigen Fällen mit Strafanzeigen vor, dann aber ohne sich durch eine ungünstige reichsgerichtliche Entscheidung von dem abhalten zu lassen, was er für seine Pflicht hält. Manche Juden seien auch dem öffentlichen Hervortreten abhold und glaubten, daß man von demselben abstehen solle, weil es an einfluß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.