Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Berlin
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 310 (sequence 3)
- Language
- German
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310 3m deutschen Reich. allgemeinem, als wäre das etwas Selbstverständliches, sich auf die Verehrung des deutschen Volkes für Auerbach zu berufen und dabei ausdrücklich „Waldfried" anzuführen. Denn die Personen dieses Romans sind theils Juden, die von Patriotismus förmlich triefen, theils Deutsche, die von Judenfreundschaft überströmen. Dies widerwärtige Zerrbild deutschen Lebens konnte auch dem Unbefangensten zeigen, wie. es um die poetische Treue und Wahrhaftigkeit des Verfassers der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" steht. Daß trotzdem Rosegger auch in der neuesten (dritten oder vierten) Auflage seiner „Ferien" fortfährt, uns Auerbach und seinen „Waldfried" anzupreisen, muß als ein betrübender Mangel an deutschem Empfinden bezeichnet werden. Den Mangel an Nationalbewußtsein hat er ja leider schon mehr als einmal bewiesen." Wenn deshalb Rosegger von Herrn Dr. Lange nicht in den „Deutschbund" ausgenommen wird, dürfte sich Rosegger darüber nicht sonderlich grämen! X Magdeburg, 19. Dezember. Einer der muthigsten Bekämpfer des Antisemitismus, Archivar Dr. Winter, welcher bisher consequent die Ansicht vertrat, daß es zweckmäßig sei, den Antisemiten in ihren eigenen Versammlungen entgegenzutreten, erklärt jetzt öffentlich, daß er nach den in einer am 6. d. M. stattgehabten Versammlung gemachten Erfahrungen von diesem Standpunkte zurückgekommen sei. Herr Dr. Winter schreibt: „Auch die Pflicht, seine eigene Ueberzeugung selbst den schärfsten Gegnern gegenüber zu vertreten, hat ihre nothwendige Grenze in der Selbstachtung, welche jeder anständige Politiker sich selbst schuldet, und die ihre nothwendige Ergänzung darin finden muß, daß auch eine gegnerische Versammlung jedem anständigen und seine Ueberzeugung sachlich vertretenden Gegner dasjenige Recht von Achtung und persönlicher Rücksicht entgegenbringt, welches er verlangen kann und muß. Diese Grenze ist, sowohl von den antisemitischen Rednern, als noch mehr von der versammelten Menge in einem Grade überschritten worden, daß ich es in Zukunft mit jener Selbstachtung, die ich mir schulde, nicht mehr vereinbaren kann, antisemitische Versammlungen zu besuchen. Ich erkläre daher nach den Erfahrungen, welche ich am letzten Mittwoch in der antisemitischen Versammlung gemacht habe, daß ich mich durch keine, wie auch immer geartete Einladung oder Provokation der Antisemiten mehr bewegen lassen werde, in ihren Versammlungen zu erscheinen." xGerrthin, 26. Dezember. Nachdem die hiesige Filiale eines Berliner Manusakturgeschäfts eine Kinderbescheerung öffentlich in Aussicht gestellt hatte, reizten mehrere Inhaber von Konkurrenzgeschäften in Inseraten gegen den „Berliner Juden" auf. Sie forderten insbesondere, daß diejenigen Kinder, die sich von einem Nichtchristen beschenken ließen, von der Beschenkung ausgeschlossen würden, die in Genthin alljährlich durch all-