Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Noch eine christliche Stimme über den christlichen Staat
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 283 (sequence 1)
- Language
- German
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263 Noch eine christliche stimme über den christlichen Staat. Gestatten Sie mir, auf meine Bemerkungen über den „christlichen" Staat (Heft 5, Seite 274/75) noch einmal zurückzukommen, um ergänzend Ihren Lesem die Anstchten eines Mannes mitzutheilen, der vor dem Verdacht unchristlicher Gesinnung gewiß sicher ist. In den „Grenzboten", Märzheft 1896, schreibt der strenggläubige, christlich-soziale Pastor Eduard Schall (nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter und Amtsbruder, dem Reichstags - abgeordneten Schall) auf Seite 378: „Unser Volk ist doch kein christliches Volk; nur so weit ist es das, als es eben christlich ist, lebt und denkt. Unser Staat ist gar kein christlicher Staat, er ist in Wirklichkeit nie einer gewesen! Wohl hat er einmal einen christlichen Mantel getragen, aber der ist längst abgethan, nachdem Religions- und Gewisiensfrciheit 'zu den Grundpfeilern der modernen Staaten geworden sind; unsere Obrigkeit ist keine christliche Obrigkeit, es hieße sich zum Lügenpropheten machen, wenn man behaupten wollte, daß sie sich durch christliche Grundsätze in ihren Entscheidungen leiten ließe. Nein, das kann sie nicht, das darf sie nicht einmal, und sie soll es nicht. Christus thront nicht im Staate, sondem in der Kirche, und im Staate sollen Gesetze und Gerechtigkeit regieren; die Christen aber, soviel ihrer da sind, und so viel sie es werth sind, sollen sorgen und arbeiten, daß dieses Gesetz und diese Gerechtigkeit nicht das Reich Christi hindere, sondem möglichst mit aufbaue. Die religiöse Ueberzeugung darf in den modernen Staaten weder Hinderniß noch Förderniß sein