Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Humanität und Antisemitismus
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 281 (sequence 3)
- Language
- German
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Humanität und Antisemitirnm». 281 anderen Nationen stärkt und kräftigt sich eine Nation, nur tn dieser Wechselbeziehung entwickelt sich da» kulturelle und soziale Leben, nur dieser Wechselbeziehung haben wir zu danken, wa» wir find. Die Juden haben treulich an allen deutschen Kulturbestrebungen mitgewirkt, sie haben vielfach den Sauerteig dargestellt, welcher das, was im Deutschen schlummerte, energisch emportrieb. Auch da» sollte man nicht vergeffen! In Kunst, in Wissenschaft, im politischen und sozialen Leben haben wir den Juden Vieles zu danken — daß nicht Alles, woran sie mitgewirkt haben, sich als gut erwies, liegt eben im Wesen menschlicher Thätigkeit. Daß die Juden nicht noch mehr leisteten, liegt in den Unterdrückungen, die sie zu erdulden hatten. Ist es nun gerecht, die Errungenschaften in Kunst und Wissenschaft zu benutzen, um die Juden zu befehden — die Wirkung auszubeuten und die Ursache abzuweisen? Dankbarkeit ist eines der natürlichsten Gefühle; sie sollten wir nicht vergessen, wohl aber aus diesem Gefühle das, was uns der Jude geschadet. Und so ist es auch umgekehrt. — Heut zu Tage, wo Alles nach humaner Lebensauffassung drängt, wo es nur ein Gesetz — leider muß ich noch sagen: geben sollte: Menschlichkeit. Menschenfreundlichkeit, Menschenliebe, ein geläutertes Menschenthum ohne Rücksicht auf Konfession, Nation oder Rasse, wo die ethische Bewegung eine so tiefgreifende ist, erscheint der Antisemitismus, gelinde gesagt, als widersinnig'. Er ist dennoch da; sei es darum! Aber trotz seines Daseins — den ethischen Gesellschaften, den Humanitätsbestrebungen gegenüber ist er nur eine Hintergrundsfigur, die, in Folge ihrer inhumanen Bestrebungen, in Folge ihrer Außerachtlassung ethischer Prinzipien schwinden muß! Das jähe Anwachsen des Antisemitismus ist kein Beweis für seine Daseinsberechtigung, sondem nur eine Folge der wirthschaftlichen Verhältnisse und der Unzufriedenheit einzelner Gesellschaftsschichten. Sittlich berechtigt ist er nicht, denn statt den Menschen den Menschen näher zu bringen, trennt er die Menschen, deren Vereinigung allein eine Besserung der wirthschastlichen Verhältnisse herbeiführen kann. Charakteristisch ist es, daß gerade in den ethischen Bewegungen, die in Berlin immer umfassender werden, der Jude eine Rolle spielt. Der Jude ist im Allgemeinen ein Freund der Aufklärung, 20'