Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 6 (Dezember 1895)
- Article
- Humanität und Antisemitismus
- Date
- 1895-12-01
- Page
- 280 (sequence 2)
- Language
- German
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980 3m deutschen Reich. die Rede sein, ebenso wenig, wie von dem engeren Begriff der Raffenfrage, der Nattonalitätüfrage: Denn die Juden sind in Gesinnung und Bethätigung Deutsche geworden und haben in den entscheidenden Momenten der deutschen Geschichte bewiesen, daß sie Deutsche sind. Wenn die Antisemiten sagen: Wir wollen einzig und allein Deutsche in Deutschland sein — nun, dann müßten sie. sich nicht nur gegen die deutschen Juden, sondern gegen alle in Deutschland wohnenden Ausländer wenden. Statt dessen suchen sie unter Czechen und Polen Anhänger zu gewinnen, Hetzen diese Nichtdeutschen gegen deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens und erleichtern durch antisemitische Wahlumtriebe die Erfolge polnischer Kandidaten. Bleibt also noch die Religionssrage — und da kommt man ans ein völlig unhaltbares Gebiet — denn wie der Protestantismus aus der Reformation des Katholizismus herausgewachsen, so ist das Christenthum aus dem Judenthum hervorgegangen — alle drei können sehr wohl neben einander bestehen. Greift nran Eines davon an, so muß man, will man konsequent sein, auch das Andere angreifen. Steht man auf dem Standpunkt: Christenthum gegen Judenthum, so gäbe es da ein Wort: Seid selbst erst Christen, ehe Ihr Nichtchristen verhetzt — ein anderer Ausdruck ist kaum zu gebrauchen. „Liebet Eure Feinde" — das ist das erste, christliche Duldungsgesetz. Nun, wie befolgen die Antisemiten, die doch die Juden für ihre Feinde halten und Christen sein wollen, dies Gesetz? Gar nicht! Sind sie aber so selbst nicht wahre Christen, haben sie auch kein Recht, als solche — Nichtchristen zu befehden. Mit diesen drei Antworten steht es also schlimm — nun kommt eine vierte. Es ist eine soziale Frage, eine Folge des Kampfes um das Dasein". Gut — das wäre der einzige stichhaltige Grund — denn es könnte sich dabei in der That um den Kampf um's Dasein einer Nation handeln. Aber wäre dies der Fall, müßte sich der Deutsche auch gegen Czechen, Polen und Russen abschließen, welche antisemitische Zeitungen herausgeben oder daran eifrigste Mitarbeiter sind. Ist aber eine solche chinesische Mauer in Deutschland auch nur als Utopie eines hypernationalen Bellamy möglich? Nein, denn nur in steter Wechselbeziehung mit