Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Umschau
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 260 (sequence 10)
- Language
- German
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260 deutschell Reich. Herzen keine Mördergrube machen, sondern unbesonnen ausplaudern, was ihre vorsichtigeren Genossen aus den Hintertreppen zu erschleichen, in Deutschbund-Geheimversammlungen oder bei Champagner-Dejeuners a la Hammerstein zu erreichen suchen, sind wahrlich die Schlimmsten nicht. Ihnen dankt man es vielmehr, daß die Regierungen und die regierungsfreundlichen Parteien nach langer. Zeit endlich einzusehen beginnen, das; der Antisemitismus nicht nur einen anarchistischen Beigeschmack hat, sondern eine gefährliche zweischneidige Waffe ist, welche sehr leicht die Hände verletzt, die sie führen. In einer neuen „Der Untergang Oesterreichs" betitelten Flugschrift des Glöß'schen Skribenten Mar Bewer wird gesagt: „Das mächtige Aufstreben des Antisemitismus in Oesterreich ist ein Symptom des Zerfalls." Wer staatserhaltend wirken will, darf aber eine Bewegung nicht fördern, die nicht nur den Zerfall anzeigt, sondern denselben herbeiführt oder doch beschleunigt. Ein Lueger als Oberbürgermeister Wiens würde niemals im Stande sein, den Handwerkern die goldenen Berge zu schaffen, die er ihnen nach Beseitigung des „judoliberalen" Regiments verheißen hat, noch weniger wäre er im Stande, die beutehungrigen Stellenjäger zu versorgen, welche ihm zu seinem jetzigen Einfluß verholfen haben. In wenigen Wochen wirthschaftet sich ein solcher Voltstribun ab und mit ihm bricht seine ganze Partei zusammen. Der Vortheil wäre größer als der Nachtheil, welchen ein solcher zur Macht gelangter Streber in der kurzen Zeit seiner Herrschaft anrichten kann. Wären wir nur Männer jüdischen Glaubens, dann müßten wir wünschen, daß man einmal kurze Zeit hindurch versuchsweise Lueger in Wien, Ahlwardt ia Berlin, Bewer und Glöß in Dresden gewahren ließe, damit den verblendeten Politikern, welche Leute dieses Kalibers für konservative Zwecke benutzen zu können glaubten, der Staar gründlich gestochen würde. Als deutsche Staatsbürger dürfen wir aber solchen Wunsch nicht aufkommen lassen; uns muß Deutschlands Ehre und Wohlfahrt über Alles gehen; wir müssen als treue Deutsche wünschen, daß keine Versuche gemacht werden, welche das Ansehen unseres Vaterlandes schädigen könnten! Unablässig müssen wir mir unseren christlichen Mitbürgern gemeinsam danach streben, daß Deutschland ein Kulturstaat bleibe und ein Rechtsstaat werde! A. L.