Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Leopold Schefer
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 240 (sequence 2)
- Language
- German
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240 Im deutschen Reich. genannt wurde. Wenn aber dieses schön begonnene Verhältniß durch die immer stärker hervortretende Nnmännlichkeit de» Jugendgenossen, der zu einem LebenSbündnifse nicht tauglich schien, sich löste, so blieb das mit Karl Werder zeitlebens bestehen, und die i» den Mannesjahren mir Leopold Schefer eingegangenen Beziehungen bereiteten lange Zeit Glück und Erhebung den Engverbundcnen. Zunächst soll von Leopold Scheser die Rede sein. Vor sechszig Jahren erschien in Berlin eine Sammlung von Gedichten, ungereimten, nicht immer fehlerlos gebauten Verse», Leopold Schcfer's Laienbrevier, das gewiß dreißig Jahre hindurch für viele sinnige Frauen ein weltliches Erbauungsbuch blieb. Frau Rath und die Frauen des 18. Jahrhunderts stachen lieber mit einer Nadel in Bogatzky's „Güldenes Schatzkästlein" und erquickten sich an dem Spruch, auf den die Nadel wies; in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es viele Frauen, die Schefer's poetische, nach Monaten und Tagen geordnete Sprüche als Wegweiser sich erkoren. Von meiner guten Mutter, die nicht viel las, weiß ich, daß dies Buch nicht von ihrem Tische kam. Nun ist der Autor seit mehr als 30 Jahren tobt — er starb 1862 — und sein Buch, das zu seinen Lebzeiten 12 Auflagen halte, erlebte seitdem nur wenige. In die Neclam'sche Universalbibliothek ist es zwar ausgenommen, aber ich weiß nicht, ob es zn den sehr verbreiteten Bändchen dieser Sammlung zu rechnen ift. Jetzt gehört es zu den Büchern, die von aller Welt ehrenvoll genannt und von keinem Menschen mehr gelegen werden. Selbst die Literarhistoriker sind streng gegen das Werk. Goedeke nennt cs „ein fragmentarisches Lehrgedicht ohne Geoicht" und charakterisirt es als „Sprüche, die mit Rückert's Lehrgedicht vergliche», verlieren, weil sie des individuellen, deutlich ausgesprochenen Motivs entbehren und nicht die Weisheit des Lebens, sondern des Individuums enthalten, das nur weise erscheint, weil cs Millionen nnweisere giebt". Dem modernen und modernsten Leser ist das Buch unsympathisch. Statt Gedankenlyrik liebt er Ausmalung von Stimmungen; Stimmung aber ist etwas im Augenblick Entstehendes, leicht Vergängliches, während der Gedanke, mühsam erarbeitet, bleibt, den Leser dauernd-beschäftigend und ihm nicht