Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 5 (November 1895)
- Article
- Antisemitismus - Anarchismus
- Date
- 1895-11-01
- Page
- 227 (sequence 23)
- Language
- German
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Antisemitismus — Anarchismus. 227 der kleinen Front ist eine mächtige Angriffslinie geworden. In dieser können die Juden Schulter an Schulter mit Fürsten, Regierung rc. gegen die Mächte des Umsturzes kämpfen." Ich glaube aus den vorstehenden Proben den versprochenen Beweis geliefert zu haben, wie der sogenannte Antisemitismus das erste Charakteristikum des Anarchismus, das Herunterreißen all und jeder Instanz promptest erfüllt und daß er sich schließlich gegen Alle wendet, die eine gute Erziehung im Herzen, einen anständigen Rock auf dem Leibe und fünf Groschen in der Tasche haben. Ich glaube auch im ersten Theil meiner Anführungen gezeigt zu haben, daß auch in Bezug auf die Skrupellosigkeit der Mittel, der Antisemitismus alle die Ansprüche erfüllt, die man anständiger Weise höher auch nicht an den Anarchismus stellen kann. Als einzelne ergänzende Daten zu den früheren könnte nur noch hinzugefügt werden, daß z. B. in Gehaus, in der Gegend von Eisenach, den Juden eine Zeit lang regulär die Fenster eingeschlagen und die Grabdenkmäler auf dem jüdischen Friedhofe verstümmelt wurden, oder daß in Traunstein eine Bombe gelegt wurde (1894). Die Zeitungen legten die That Anarchisten zur Last; es stellte sich aber heraus, daß die Thäter Antisemiten waren. Ein Hausbesitzer sollte abgehalten werden, einem israelitischen Kaufmann einen Laden einzuräumen; vor dem Attentate hatte er diesbezügliche Drohbriefe erhalten. Oder, wenn ich die Grenze Deutschlands ein wenig überschreiten darf, daß in unmittelbarer Nähe von Wilna im vorigen Jahr eine jüdische Familie in bestialischer Weise ermordet wurde. Die Thäter, zwei junge Bauern aus der Umgegend, sagten bei ihrer Vernehmung aus, die Zeitungen schrieben ja immer, man solle die Juden ausrotten, vertilgen und vernichten. Der Todtschlag bei der jüngsten Wiener Wahl dürfte auch noch in Aller Erinnerung sein. Auch „Das Volk" schrieb, allerdings unter dem frischen Aerger über Stöcker's Durchfall gegen Ahlwardt, seiner Zeit: Der Radauantisemitismus sei ein Zwillingsbruder des Anarchismus und verschmähe unter Umständen auch die Propaganda der That nicht. Ein ebenso ehrenvolles Zeugniß stellte derselben Richtung der antisemitische „Reichsbote" aus, indem er sagte, wer den „Bundschuh" lese, der spiele in Gedanken auch bereits mit dem Morgen-