Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1895)
- Article
- Eine Hochzeit mit Hindernissen
- Date
- 1895-10-01
- Page
- 168 (sequence 7)
- Language
- German
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168 Im deutschen Reich. stellung de- Trauhimmels, unter dem die Segenssprüche verrichtet werden, eine Pause von mehreren Stunden verstreichen ließ. Das „Amen" des Dr. Simon, ein unklarer Ausdruck, wohl absichtlich gewählt, um die Bedeutung des Schlußceremonials herabzudrücken, kann nur die Segenssprüche bedeuten. Demnach hat der Rabbiner von Meseritz unmittelbar nach Aufnahme des Protokolls seitens des Justizraths Wangelin (Urkunde 2) die Trauungsformel durch den Bräutigam vollziehen lassen, aber kurz darauf hatte sich der Steuerrath Thiele die Sache anders überlegt und die Aufstellung des Trauhimmels, wahrscheinlich weil dieselbe damals im Freien vor aller Welt stattzufinden pflegte, dem Rabbiner untersagt. Dadurch erklärt sich auch die Verzweiflung der Braut, da dieselbe durch die Trauungsformel wohl an ihren Manu gebunden war, d. h. sich nicht mehr anderweitig verheiratheu konnte, und doch wiederum mit ihrem Verlobten keinen gemeinschaftlichen Hausstand begründen durfte, bis schließlich ein Privatgelehrter, Hirsch Lewin, den Muth fand, der peinlichen Situation auf die Gefahr der Strafe hin, trotz Kriegs- und Steuerrath, durch Absingung der Segenssprttche ein Ende zu machen. Ueber die Personen in diesem halb tragischen Praeludium zum Ehestand ist nicht viel zu berichten. Der Bräutigam Lewi, Moses Sohn, war (wie aus „E. Friedländer, Aeltere Universitäts- Matrikeln, I. Universität Frankfurt a. O." Bd. II, S. 533 hervorgeht) der Sohn des Dr. med. Moses Lewi au» Lublin und wurde, 18 Jahre alt, am 19. März 1793 in die medizinische Fakultät zu Frankfurt a. O. immatrikulirt, nachdem er in einer Privatschule zu Zamose vorgebildet worden. Mit ihm wurden um dieselbe Zeit noch zwei andere Glaubensgenossen als Studenten der Medizin ausgenommen: Salomon Joseph Donat, Sohn des Joseph chirogos (sicherlich verdorben aus chirurgus). aus Prittik in Kleinpolen, und Juda Isaak Fürst, Sohn des Schutzjuden Isaak Moses aus Frankfurt, beide 18 Jahre alt und. auf Privatanstalten vorbereitet. Seitdem nämlich der große Kurfürst zweien Juden die Erlaubniß gegeben, an der Universität zu Frankfurt a. O. medizinische Vorlesungen zu hören, und dieselben sogar mit einem reichlichen Stipendium unterstützt hatte, scheint die jüdische Jugend, die sich der Heilkunde widmete, für ihre Studien nicht mehr aus-