Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1895)
- Article
- Die Bestrebungen und Ziele des Central-Vereins
- Date
- 1895-10-01
- Page
- 160 (sequence 16)
- Language
- German
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160 3m deutschen Reich. Soll man jetzt, wo ihre Emanzipation errungen ist, ihre staatsbürgerliche Gleichstellung, ihre staatliche Anerkennung als Religionsgesellschaft durch Verfassung und Reichsgesetz verbrieft ist, ihnen rathen, allen Angriffen gegenüber die gleiche Zurückhaltung zu üben? Nimmermehr! Es hieße an dem Rechtsstaat und an der Menschheit verzweifeln, wollte man einen solchen Kampf als hoffnungslos aufgeben. Wie der Einzelne seine Individualrechte vertheidigen will, hat er mit sich selber abzumachen, die Ehre des Judenthums dürfen wir nicht unvertheidigt lassen, der kommenden Geschlechter wegen. Ich fürchte nicht, daß unser Mühen vergeblich sein wird. Sehen Sie auf die Erfolge der Antisemiten, des Centrums, sehen Sie den Bund der Landwirthe mit seiner planmäßigen Agitation — warum sollte unserer gerechten Sache, unseren auf Wahrung von Gesetz gerichteten Bestrebungen bei ehrlicher Arbeit ein Erfolg versagt sein? Aber im Grunde genommen, halte ich den Gesichtspunkt materiellen Erfolges nicht für ausschlaggebend. Wenn wir unsere Stellung im Vaterlande durch eigene Kraft wehren, wird uns die Achtung unserer besser gesinnten Mitbürger nicht fehlen; wenn uns unser Recht versagt werden sollte, werden wir an Sympathien gewinnen, und wenn mich auch diese Hoffnung auf die Menschheit täuschen sollte! — um unserer selber willen möchte ich der Fortführung des Kampfes nicht widerrathen. Wer in der Bewegung steht, wird mit freudiger Genugthuung es empfinden, wie die Gemeinsamkeit der Abwehrbestrebungen und das Bewußtsein der erfüllten Pflicht das Judenthum verinnerlicht, die Charaktere stählt, die bangen Gemüther erhebt und mit neuer Hoffnung erfüllt. Sellchvertrauen und Selbstbewußtsein, Selbstachtung und Selbstkritik kehren ein. Die Taufe gilt wieder als Ehrlosigkeit, als Fahnenflucht. Der Gedanke, daß er nicht allein steht, daß Genossen für ihn und mit ihm kämpfen, hilft ihm di^ Unbillen leichter ertragen und nimmt seinem Herzen die Bitterkeit des Verlassenseins. Der einzelne Jude fühlt sich wieder als Mitglied der Gesammtheit, der er angehört. Diesen Werdegang der Dinge helfen Sie uns befördern, meine Herren! Gehen Sie hinaus und werben Sie von Mund zu Ohr, werben Sie besser, lauter und wärmer, als es die Druckschrift zu werben vermag; gruppiren und organisiren Sie die Juden, damit jeder Einzelne mitarbeitet an dem ausgedrungenen