Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 3 (September 1895)
- Article
- Rudolf von Gneist
- Date
- 1895-09-01
- Page
- 113 (sequence 3)
- Language
- German
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Rudolf von Gneist. 113 Wahrheit und dem Recht zur Geltung zu verhelfen gegen vorsätzliche Entstellung und Verleumdung. Ein Gelehrter von dieser Tiefe des Wissens wußte, wie überall in der Geschichte der Spruch Ben Akiba's sich bewahrheitet: Alles ist schon dagewesen. Er wußte, daß nicht nur die heutige Zeit ein Beispiel darbiete für die Erscheinung, daß so lange Handel und Wandel darniederlagen, die Juden willkommene Helfer waren. Als aber die „Urbewohner" den Juden Alles säuberlich abgeguckt, da wurde ihnen die Konkurrenz der Juden unbequem: nun konnten sie der Hülfe der Juden entbehren. Und stets blühte dann der Geschäftsantisemitismus, rer jionkurrenz- und Brodneid, das hervorragendste Zeichen auch der heutigen antisemitischen Bewegung. Weil Gneist alles dies wußte, deshalb mußte er nrit Verachtung derabblicken aus die niederen Instinkte derjenigen, welche unter der Maske des Patriotismus und Nationalismus Haß und Zwietracht säete», in der Hoffnung, ihren Geldbeutel zu füllen. Ein Mann von solchem Wiffen und solch klarem Blick konnte eben nur Gegner einer in ihren Grundlagen und Zielen haltlosen Bewegung sein. Gneist war ein Mann von vornehmer, vorurtheilsloser Denkungsweise. Wie alle Männer von wahrhafter Größe erkannte er fremdes Verdienst neidlos an, ohne nach der Raffe zu fragen. Und solche Männer werden immer seltener. Bereits hört man hier und da, daß auch das hohe Forum der Wiffenschaft angekränkelt wird von antisemitischen Neigungen, daß kleine Geister der Bewerbung von Juden um ein akademisches Lehramt aus keinem anderen Grunde feindlich gegenüberstehen, als weil sie von Juden ausgeht. Kleine Geister fürwahr! Was haben nicht gerade Juden seit Jahrtausenden auf allen Wiffensgebieten Hervorragendes geleistet! Wo sind die Männer, die diesem Beginnen gebührend entgegeutreten, wie Gneist es gethan hätte? Je mehr aber Männer ivie Gneist der Vergangenheit anzugehören beginnen, desto lauter ergeht der Ruf an die Juden der Gegenwart. In der Wissenschaft, in der Verwaltung und Rechtsprechung wirst der Antisemitismus seine dunklen Schatten voraus. Die Generation, welche mit den Juden Schulter an Schulter um die Einigung des deutschen Reiches gekämpft hat, tritt allmählich zurück. An ihrer Stelle macht eine Generation sich breit, welche 9