Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 1 (1895)
- Issue
- Heft 1 (Juli 1895)
- Article
- Rogasen
- Date
- 1895-07-01
- Page
- 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2316602-2316604-2316605-2317263--00061-2317332- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
38 Im deutschen Reich. am Biertisch, sondern geräuschlos aber gefinnungstüchtig, wo es ernstlich gilt, durch die That. Geleitet von dieser Ueberzeugung Hai der Vorstand des „Vereins zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken" vor einiger Zeit ein Flugblatt verbreitet, in welchem vom Rückgänge aller, in jüdischen Händen befindlichen Lederhandlungen die Rede war und lebhaft beklagt wurde, daß die jüdische Bevölkerung „ein besonders wichtiger Beftandtheil des Deutschthums" fich zum Beitritte zu dem Verein nicht recht entschließen könne, weil sie in demselben viele Antisemiten vermuthe. Dieses Flugblatt hat in dem Kreise der deutsch-sozialen Reformen unverkennbar die Verstimmung gegen den Verein noch gesteigert, welches es mit den Antisemiten dadurch bereits verdorben hatte, daß er auf die Anfrage eines Delegirten des deutsch-sozialen Parteiverbandes für Posen und Westpreußen es ablehnte, Stellung zur Judenfrage zu nehmen. Wenn auf Grund einer Zuschrift aus Thorn das Dresdener Antisemiten-Blatt „Deutsche Wacht" sich zornig über das erwähnte Flugblatt des „Vereins zur Förde' des Deutschtums in den Ostmarken" äußert, wird das die Ueberzeugung der Leiter dieses Vereins, daß das Deutschthum durch Intoleranz nicht gefördert wird, kaum erschüttern. Professor Plötz hat in den „Preuß. Jahrbüchern" nachgewiesen, wie verhängnißvoll für den Bestand des Deutschthums in den Ostmarken die Zurückdrängung des jüdischen Elements bereits gewesen ist. Der Jude ist in seiner Denkungsart, in seinem Bildungsgänge, in der Erziehung, welche er seinen Kindern zu Theil werden läßt, ein kräftiger Vertreter des Deutschthums. In das Programm der deutsch-sozialen Reformen paßt es freilich nicht, daß dies von unbefangener christlicher Seite anerkannt, daß der zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken bestimmte Verein vorurtheilslos öffentlich die dortige jüdische Bevölkerung einen „besonders wichtigen Beftandtheil des Deutschthums" nennt, Den eingefleischten Antisemiten scheint ein durch Juden gefördertes Deutschthum unwillkommener, als das Preisgeben einer ganzen Provinz an die Polen. Das Berliner Ahlwardt-Organ „Deutsches Volks-Recht" trat bereits offen für die Unabhängigkeit Polens ein, da es in Nr. 58 vom 10. Mai d. I. folgende Sätze veröffentlichte: „Aber gesetzt endlich, polnischer Begehrlichkeit gegenüber erwiese es sich als undurchführbar, die jetzige Ostgrenze des Reiches zu wahren (alles Gemischte, eben weil es gemischt ist, könnten sie ja unmöglich fordern), so ist dennoch die heutige allgemeine Annahme irrthümlich, wir dürften darum unter keinen Umständen mehr zu einer Wiederherstellung Polens die Hand bieten. Dieselbe ist eine Nothwendigkeit, geschichtlich bewiesen. Erst seitdem Polen vernichtet ist, - ist Rußland zu einer Bedrohung für Europa geworden. Und durch unbedingte Weigerung, den Polen etwas abzutreten, würden wir schließlich nicht für uns