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Im deutschen Reich · 1895-07-01 · Heft 1 (Juli 1895) · p. 36

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
1 (1895)
Issue
Heft 1 (Juli 1895)
Article
Berlin
Date
1895-07-01
Page
36 (sequence 1)
Language
German
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36 Korrespondenzen. ♦ Berlin, 25. Mai. Wo die städtischen Behörden vorurtheilsfreie Gesinnungen bekunden, erdreistet sich auch die antisemitische Presse daran eine Kritik zu üben, welche Keinen verschont, der sich dem Terrorismus dieser Art von Politikern nicht willig fügt. Als die Herren Oberbürgermeister Zelle, Bürgermeister Kirschner, Stadtschulräthe Dr. Bertram und Fürstenau, sowie der stellvertretende Vorsteher der Berliner Stadtverordnetenschaft, Herr Michelet, der Feier beiwohnten, welche die jüdische Reform - gemeinde am 2. April d. I. aus Anlaß ihres fünfzigjährigen Bestehens veranstaltete, warf ein antisemitisches Blatt die Frage auf: „Ist Berlin eine jüdische Stadt geworden?" Weit herber noch äußerte sich die „Tägliche Rundschau" über diejenigen Vertreter der königlichen und städtischen Behörden in Pforzheim, welche einem dortigen Industriellen Namens Goldbaum zur goldenen Hochzeit persönlich Glückwünsche dargebracht haben. Für diese Kritiker giebts jetzt freilich nur „eine Kaiserstadt, ein Wien", wo der antisemitische Führer Dr. Lueger zum Bürgermeister gewählt worden ist, was zu so peinlichen Verwickelungen führte, daß sich die Regierung veranlaßt fühlte, den Wiener Gemeinderath aufzulösen und den Bezirkshauptmann Dr. von Friebeis, zum Regierungs- Commissar zu bestellen. Fünfzehn von den bisherigen Gemeinderäthen werden ihm als Beiräthe beigegeben. Zu den Beiräthen sind sieben Liberale, fie&en Antisemiten und ein außerhalb des Partei-Verbandes stehender Liberaler ernannt. Weder Lueger noch sonst ein hervorragender Antisemit sind in den Beirath berufen. Die „Voss. Ztg." hatte richtig prophezeit, als sie schrieb, die österreichischen Minister Plener und Genossen würden aus den Wiener Vorgängen die Lehre ziehen, daß schwächliches Nachgeben nichts taugt, daß man heutzutage Hammer oder Amboß sein muß. — Gegen die geplante Aufführung des bereits vor mehr als zwanzig Jahren verfaßten Dramas „Eleazar" im „National-" und Alexanderplatz- Theater legte das Polizeipräsidium Einspruch ein und das Verbot wurde vom Oberprasidenten bestätigt. In der eingehenden Begründung wurde gesagt, „daß das Stück in seiner Wirkung auf die Zuschauer den confessionellen Frieden gefährden könne, insbesondere dadurch, daß es religiöse Streitfragen und confessionelle Gegensätze in der brutalsten Weise zur Darstellung bringt, den fanatischen Haß des bigotten Judenthums gegen die christliche Kirche und gegen den katholischen Glauben, eine empörende Verhöhnung und Verstümmelung einer christlichen Hostie und

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