Sulamith
- Journal
- Sulamith
- Volume
- 4 (1812)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Gesammelte Blumen und Früchte zur neuern Sittengeschichte der Israeliten
- Date
- 1812-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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ticitrit oder das Gewissen durch freiwillige Ab« hüßungen bestrafen kann. Der Leser mag erwägen, was folgende Erzählung ans das Gemüth eines religiös gestimmren Jünglings für Eindruck hat machen können, um zu beurlheilen, ob Alles genau und nach strenger Wahrheit nacherzählt ist. Oer wandernde Sünder, welcher mehrere Wochen in Königsberg verweilte, und den ich fast alle Lage in der Lchrschnle sah, — wäre ich Künstler, ich könnte ihn noch darstcllen — war ein Mann etwa in den Fünfzigern, von starkem Körperbau, hager, gebückt, mit röthlich grauem Kopf, und Barthaar, in schwarzer polni« scher Kleidung. Ungeachtet dieser Tracht war er ein Deutscher, und wie seine Aussprache verrieth, aus dem Reich gebürtig. Seinen Namen hatte er verändert, sei« ncn Geburtsort gab er nicht an. Er ging von Haus zu Haus betteln, nahm jede Gabe, und zeigte§eincn Verdizziß, wenn sie ihm verweigert, oder wenn er mit Schelk- Worten abgewicsen ward. Das letzte geschah, nach seiner eigenen Aussage, freilich selten. ״I ch bin ein Baal Trschuba" (büßender Sünder), war immer seine An« rede. Alle Tage, Morgens und Abends, ging er in die Synagoge, saß auf der Tranerbank, und betete sehr andächtig. Bei dem Cchlnßgcbet (Allen») riß er sich mit Ungestüm hervor, bedeckte das Haupt mit dem Talar, und warf sich vor dem Ausgange des Tempels zur Erde nieder, in der Absicht, daß die Herausgehendcn auf ihn treten sollten. Dies; geschah aber nie. Jeder ging mit