Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 9-12 (September 1930)
- Date
- 1930-09-01
- Page
- Seite 476 (sequence 158)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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476 Bücherbesprechungen Warum aber scheint die Religion in unserer Zeit durch Wissenschaft und Philosophie so arg zurückgedrängt? Fr. weiß, daß das Bedürfnis der Menschheit nach einem metaphysisch zu Ende gedachten Weltbild auch ijn unserer Zeit genau so groß ist wie in primitiveren Zeiten. Ja, nachdem in der Masse seit dem Weltkrieg eine Vertrauenskrise den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft gegenüber entstanden ist, wäre eigentlich' der Weg geebnet, die Masse für das Vertrauen zum mystischen, zum religiösen Denken zurückzugewinnen. Aber die große mystische Tat fehlt! Der Führer fehlt, dessen Kraft über alle Gegensätze hinweg ein einigendes Neues schafft. Das Schicksal der abendländischen Kultur aber hängt von einer solchen neuen religiösen Orientierung ab — nicht von den Fortschritten der Wissenschaft oder der Philosophie, denn sie bringen stets neue Interessenspaltungen hervor. Gewalt des religiösen Erlebnisses aber eint. Und ..ohne den geeinten Kulturwillen der Masse ist jedenfalls Kultur auf die Dauer nicht möglich“,. UMd mit der Feststellung, daß der problematische Charakter der Wissenschaft durchaus Möglichkeit und Raum für den reinen Glauben läßt, klingt Fr.s Buch aus. Für so manchen, der in innerem Kampf befangen, Glauben und Wissen nicht ins rechte Verhältnis zu setzen weiß, dürfte dies Buch mehr Werden als bloße Denkübung. Eine kleine stilistische Anmerkung sei gestattet: Fr., obwohl sonst ein großer Kant-Verehrer, glaubt, Kants Stil ablehnen zu müssen. Gewiß, Kants Deutsch ist in mehrfachem Sinn antiquiert. Aber eins dürfte auch der modernste Stilist von ihm lernen, sofern er philosophische Bücher schreibt: die affektlose Ruhe in der Darlegung. Wozu affektbetonte Adverbien wie „natürlich“, „selbstverständlich“? Wozu zwei Fragezeichen, am Satzende? Durch solche unphilosophischen Hilfsmittelchen wird nichts philosophisch klarer. Ein Buch von der Qualität wie das von Fr. darf getrost auf Dinge solcher Art verzichten. L. F. > Verantwortlicher Redakteur Dr. J. Wohlgemuth, Berlin. Pruck: Itzkowski & Co., Berlin N 24, Auguststr. 69.