Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1930)
- Issue
- Heft 5-8 (Mai 1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 254 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2292929-2293072-2293075--11097-2304398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
254 Heilige und unheilige Gerüche ben diese Dinge so wenig zu tun, wie die bei Halluzinationen gesehenen Dinge mit den Tatsachen der sichtbaren Welt. Daß gelegentlich die zum Einbalsamieren benutzten Stoffe bei einer Grabesöffnung Duft verbreiten, ist etwas anderes als die rein subjektiv empfundenen Gerüche von Heiligen oder Unheiligen. Der Alturtumsforscher Friedrich Schneider führt den Wohlgeruch, den die Heiligengräber ausströmen nicht bloß auf die subjektive Vorstellung zurück. Bei der Oeffnung des Grabes des heiligen Bischofs Paulin von Trier (351—358) im Jahre 1883 hat er den Leichnam untersucht und die sorg״ faltige Balsamierung festgestellt. Er fand harzartige Stoffe, teils unvermischt teils mit vegetabilischen Resten innig vereinigt. Sie hatten ihr Aroma behalten, wie das auch bei Resten antiker römischer Dufteien festgestellt worden ist. Das Gleiche wurde auch bei der Oeffnung des Grabes des Märtyrerpapstes Fabian (240—253) beobachtet.11 Heinrich Günter hat einmal in einem Aufsatz im ״Hochland“ versucht, wahrscheinlich zu machen,12 daß die mittelalterlichen Erzählungen von dem himmlischen Wohlgeruch Sterbender und bereits verschiedener Heiliger und besonders frommer Jungfrauen auf Wahrheit beruhen. Denn sonst ״dürfen wir den Glauben, als ob wir auf Grund unserer Quellen uns jemals ein zutreffendes Bild des Mittelalters zu machen vermöchten, begraben. ‘‘ Soweit es sich um Glaubenssachen handelt, hat niemand das Recht, Günters Anschauungen irgendwie entgegenzutreten. Nur wenn er es versucht, rationalistisch den Glauben an die Wohlgerüche Heiliger aus Naturbeobachtungen begreif- 11 Vgl. hierzu: Richard Änd ree: Ethnographische Parallelen und Vergleiche. N. F. Leipzig 1889. Ferner M. Landau : ,״Norj ölet“ in: Hm Ur-Quell. N. F. Bd. 2, 1891, S. 87—90. Auf der Jahresversammlung der American Chemical Society wurde 1928 über ein System, die einzelnen Gerüche zu normieren und durch /Zahlen auszudrücken, berichtet. Bis jetzt wurden die Volksgerüche noch nicht experimentell untersucht. 12 Günter, Heinrich: Der Geruch der Heiligkeit. In Hochland. Jg. 1, Bd. 2, 1904, S. 73—74.