Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 559 (sequence 49)
- Language
- German
- Belongs to
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Einfühlung in das Empfindungsleben der Tiere 559 Die Tiere geben auch in ihrer Liebe zu den Jungen uns eine gute Lehre: Wenn die Küchlein klein sind, dann holt sie die Henne zusammen, tut sie unter ihre Flügel, achtet auf sie und gräbt vor ihnen den Boden nach Nahrung um; wenn sie aber groß sind und eins an sie herankommen will, dann pickt sie ihm auf den Kopf und sagt zu ihm: Geh, grabe in deinem eigenen Kehrichthaufen.156 Wir haben schon oben von den ,,frommen“ Tieren gehört,157 ebenso von den guten und schlechten Charaktereigenschäften der Tiere.158 Ausdrücklich wird darauf verwiesen, daß wir von ihnen lernen können, ja, daß wenn die Thora uns nicht gegeben wäre, wir Sittsamkeit von der Katze, das Verbot der Eigentumsverletzung von der Ameise, das des Ehebruches von der Taube lernen würden.159 Zur Ameise schickt den Trägen schon König Salomo (Prov. 6, 6 ff.) und von den ״vier Kleinen der Erde, die so abgründige Weise sind“ (Prov. 30 24 ff.) sollen wir natürlich eine Lehre ziehen. Rabbenu Bechai hält darum die Versenkung in Leben und Treiben der Tierwelt für eine besondere Pflicht.160 Die Sprichwörter, die so ganz und gar von der Eigenart der Volksseele zeugen, sind oft in Lehren gekleidet, die uns die Tiere geben. Die Entstehung eines Sprichworts vollzieht sich wohl schwerlich so, daß zu einem Satz der Volksweisheit ein Bild gesucht wird. Vielmehr geht beides ineinander über. Die Lehre wird aus der Beobachtung geboren, und was dem Beobachtenden aufgegangen ist, wird zur scharfen Sentenz formuliert durch das Bild, das sich dem Beobachtenden darbot. So sind auch die Sprichwörter, wenn sie dem Tierleben entnommen sind, ein Beleg für das Einfühlen in Art und Schicksal der Lebewelt. 156 Lev .R. 25, 5. 157 S. 48. 158 S. 551 ff. 159 Erubin 100 b; vgl. auch Dt. R. 5, 2. 160 Herzenspflichten II, 2.