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Jeschurun · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. Seite 519

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
16 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Date
1929-11-01
Page
Seite 519 (sequence 9)
Language
German
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Um den Zionismus. 519 Er hatte die gute Mischung von Phantasie und Realitätssinn, die für alles großzügige Wirken notwendig ist, aber Phantasie wie besonders sein Wirklichkeitssinn waren abgeleitet, aus zweiter Hand. Er sah das Leben reflektiert, und alle Wirklichkeit mußte er oft erst auf den Brettern eines imaginären Theaters rekonstruieren, um sie zu erkennen. Dabei war keine Spur von Selbstgefälligkeit oder Komödiantischem in ihm, es war einfach seine Struktur, er konnte nicht anders denken. So verband er seltene Beobachtungsgabe und sicheren Blick für das Detail mit oft erschütternder Ahnungslosigkeit vom Wesentlichen der Dinge. Menschen konnte er, als Künstler und als Aristokrat von Natur und Neigung, gewöhnlich sofort taxieren, er erfaßte schnell ihre spezifische Atmosphäre, ihre Heimlichkeiten und Unebenheiten, aber nur innerhalb ihrer äußersten seelischen Schicht, in ihrem seelischen Vorraum gleichsam; das Strukturelle ergriff er leicht, der Kern ihres Wesens blieb ihm merkwürdig oft verborgen: so geriet er bei allem Psychologisieren von einer Täuschung in die andere. Seine Fehlurteile über Menschen waren oft erstaunlich. Als er, vom Dämon aus tändelndem Leben aufgescheucht, in das Judenschicksal griff — die Geschichte seiner Berufung ist unleugbar ein höherer Vorgang — wollte er das Judenproblem so anpacken, wie der Dramatiker gewöhnt ist, seine Stoffe zu behandeln. Die Welt war ihm eine große Bühne, und Probleme, Völker, Menschen traten dort auf, agierend und sprechend nach sorgsam gesetztem Dialog. Er selbst verglich sich gern mit Saul, der auszog, die Eselinnen zu suchen und eine Königskrone fand. Herzl wollte ursprünglich ein Theaterstück mit jüdischem Einschlag schreiben und geriet dabei an das Judenproblem selber; und als er daran ging, es zu lösen, wurde es ihm unversehens wieder zum Schauspiel. Und hier, sehen Sie, beginnt seine Schuld. Nicht von der einmaligen und zufälligen Existenz Herzl sprechen wir jetzt: er war ein Kind seiner Zeit, ein Produkt seiner Verhältnisse, rein und naiv, voll besten Willens stürzte er sich in sein Werk,

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