Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 482 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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482 ״Splitter und Balken“ ״Splitter und Balken“. Von Saul Kaatz. Die früheste Anwendung des zum geflügelten Wort gewordenen Bildes vom Splitter und Balken findet sich im Talmud. Schon Büchmanns ״Geflügelte Worte“, 21. AufL S. 59, sagen darüber: ,,Den Ausdruck Splitterrichter bilden wir aus Matth. 7, 3—5: Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Äuge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Äuge?“ Doch ist nach Leop.Zunz (Ges. Sehr. III 294) der Priester und Mischnalehrer Tarfon der wahre Urheber dieses Spruches.“ Der Sinn des Spruches vom Splitter und Balken ist klar und bedarf keiner Erläuterung. Man darf auch keinen Anstoß daran nehmen, daß es unmöglich ist, einen Balken im Äuge zu haben, und daß man sich ein solches Bild nicht vorstellen kann. Das hieße den Vergleich zu Tode hetzen, denn ״Balken“ ist eine rhetorische Hyperbel, die nichts anderes bedeutet, als daß man die eigenen Fehler, auch wenn sie unendlich größer sind als die fremden, nicht beachtet. Was dagegen meines Erachtens* schwierig, ja sogar unverständlich erscheint, ist, daß ein Fehler gerade mit einem Fremdkörper im Äuge verglichen wird. Hat man denn Splitter im Äuge? Und wenn jemandem ein Fremdkörper ins Äuge geraten ist, dann bedarf es ja keines Hinweises, um den Verletzten auf ihn aufmerksam zu machen, dann fühlt er selbst dessen Vorhandensein und bemüht sich ihn zu entfernen, um sich von den Schmerzen zu befreien und um sehen zu können. Wendet ja die Bibel den Ausdruck ״Dorn im Äuge“ (4 M. 33, 55) an, um die höchste Qual zu bezeichnen, ein Bild, das verständlich ist. Dagegen ist der Vergleich eines Fehlers, den man hat und den man nicht beachtet, mit einem Fremdkörper im Äuge schlechthin unverständlich, da jeder auch den kleinsten Splitter im eignen Äuge, weil er ihm unerträgliche Schmerzen bereitet, weit mehr empfindet und beachtet, als einen Balken in des Nächsten Äuge, der ihm selbst nicht wehtut.