Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 239 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Prophetenlektüre im Religionsunterricht 239 schäften handelt, in denen das Streben lebendig ist, das prophetische Schrifttum gründlich kennen zu lernen, läßt sich die erforderliche Vertiiefung erzielen, läßt sich die Grundstimrnung herbeiführen, die dem für seinen Stoff begeisterten Lehrer erst die Möglichkeit der vollen Entfaltung gewährleistet. Da eine produktive Prophetenlektüre starke seelische Anteilnähme bedingt, da sie die Fähigkeit und den Willen auf Seiten des Lesers voraussetzt, sich in fremdes Seelenleben einzufühlen, so lassen sich besonders gute Resultate in Ärbeitsgemeinschäften junger Mädchen erzielen; was ihnen etwa an positivem Wissen, an Kenntnis der hebräischen Sprache fehlt, das vermag das intuitive Verständnis vielfach zu ersetzen; es ist oft erstaunlich, wie tief die fragmentarische Genialität der Mädchen, um mit Gaudig zu sprechen, in die Geheimnisse der prophetischen Religiosität hineinzuleuchten vermag. In dem Rahmen des Realschulunterrichts ist eine vertiefte Prophetenlektüre nicht leicht einzuordnen. In der ersten und oft auch schon in der zweiten Klasse findet sich zwar eine ganze Anzahl von Knaben und Mädchen, die bereits in hohem Maße innerlich für einen derartigen Unterricht reif sind und die dem Prophetismus großes Interesse entgegenbringen. Die Gesamtklasse wird doch wohl in der Regel nur für eine Auswahl prophetischer Kapitel und für eine durchaus skizzenhafte geschichtliche Darstellung zu interessieren sein, dagegen den tieferen ästhetischen Problemen und der Erörterung religionspsgchologischer Fragen kein Verständnis entgegenbringen. Daher dürfte es sich, wo dies technisch durchführbar ist, empfehlen, in der ersten und eventuell auch schon in der zweiten Realschulklasse besondere Gruppen für die Lektüre des prophetischen Schrifttums, und vielleicht darüber hinaus für die Pflege einer vertieften Bibellektüre, die etwa auch das Buch Hiob und ausgewählte Stücke des Buches Daniel umfassen könnte, zu bilden. Im übrigen glaube ich, daß eine Erörterung der Haupt probleme des Prophetentums sich mit der Lektüre der geschichtlichen Schriften, die doch wähl durchweg an unseren jüdischen Schulen üblich ist, verbinden läßt.