Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1928)
- Date
- 1928-07-01
- Page
- Seite 386 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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386 Die Jüdische Höhere Schule in Theorie usw. Unterrichtsstunden, in seinem Ton und in seinem Blicke kann etwas liegen, was über die Stunde und über den Unterrichts- Stoff hinausfülirt und weiterwirkt. Nicht Freundschaft und nicht Kameradschaft macht den Lehrer zum Führer, sondern die Ueberlegenheit, gepaart mit Liebe und elterlichem Empfinden, wodurch er (nicht wie der Freund an seine Person, sondern) an die Gedankenwelt bindet, die er vertritt. Der bloße Gedanke an ihn ist imstande, den Zögling vom Schlechten abzuhalten. Stärker, weil unmittelbarer und nicht an die Person gebunden, sind Werterlebnisse, die durch erschütternde Ereignisse ausgelöst werden. Solche kann die Schule freilich nicht schaffen, sie kann aber zu lebendiger Anteilnahme an ihnen veranlassen. Sie kann ferner Situationen schaffen und gemeinsame Veranstaltungen treffen, in denen das religiöse Erlebnis zu starkem Bewußtsein kommt und die Seele so bald nimmer los läßt. Bezeichnend ist für den Jugendlichen das Geltungsgefühl, der Drang nach Freiheit, das Streben, für erwachsen zu gelten. Gelingt es der Schule, diesem Bedürfnis entgegenzukommen durch die Erkenntnis, daß der Anschluß an Gott erst ermöglicht, sich selbst treu und von unedlem Zwange frei zu bleiben, dann gibt sie dem ihr anvertrauten Zögling einen starken Halt im Kampf mit den zersetzenden Mächten der Umwelt, Schutz vor Verführung und Trost im Unglück. Das tiefste sittliche Erlebnis wird freilich erst dadurch vermittelt, daß ein Fehltritt den Wert des Rechten bis zur Sehnsucht nach ihm zu Bewußtsein bringt. Der Jugend in solchen Momenten nahe zu sein, ja vorher schon für solche Fälle vorzusorgen durch Herstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Lehrern und Schülern mit der dazu nötigen Diskretion, das ist vielleicht die wichtigste Seite der Jugendführung. Was aus den Berichten des Jugendrichters Lindseg *) und aus den kürzlich erschienenen Akten des preußischen Un- 1j Evan u. Lindsey, Die Revolution der modernen Jugend.