Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 576 (sequence 128)
- Language
- German
- Belongs to
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576 Jung-Judentum jung-Judentum. Mitten im Herzen der Reichshauptstadt, vom Treiben und Jagen der Menschen umtobt, hat sich still und schlicht das Schloss Bellevue und sein Park Ruhe und Beschaulichkeit gewahrt. Das ״junge Deutschland“ konnte keine bessere Wahl für seine derzeitige Ausstellung treffen, als diese Stätte der Einkehr inmitten der Unrast des geschäftigen, haltlos vorwärtsströmenden Europa. Mit Recht: Weder klösterliche Weitabgewandtheit, noch seelenbetäubende Hast der Berufsarbeit kann Jugend reifen lassen. Irgend״ wie muss ein Verbinden, eine Paarung, ein Pfropfen vonstatten gehen, um eine Frucht keimen, reifer, edler werden zu lassen. Dass das ״junge Deutschland״ so selbst - fordernd auftritt, ist zum Teil eine Folge eben dieser Spannung zwischen dem Nachaussen-Drängen und Nach-innen-Wolien. Die letzten Generationen sind zu stark mit dem Strom des nach Leistungen drängenden Europa geschwommen, auch die Schulen forderten Kenntnisse, Wissen — als Leistung, war nun Antike oder Technik der Lehrstoff. Oh aus Kindern Männer wurden, Menschen — dies Ziel, das nur in Beschaulichkeit und Selbstbeobachtung erstrebt wird, dämmerte irgendwo hinter der Unzahl der Leistungen, ohne diesem Licht zu spenden. Etwas wahrhaft Neues: diese Selbstbesinnung, diese Forderung nach Leben um des Lebens willen, dieser Wille zum Selbstsein. Man suchte die Natur als Heim der Seele auf, man glaubte auf Wanderungen durch freie Aussprache und ungebundenes Miteinandersein, durch Lied und Spiel den Kult des Jungseins zu pflegen. Man kam daher bald dazu, den Kampf gegen das Konventionelle überhaupt zu eröffnen, Kampf gegen Alter und Philistertum, Kampf gegen Bevormundung, gegen Eltern. Und es lag ferner im Wesen der Sache begründet, dass sämtliche Weltanschauungen, die in Deutschland florieren, sich dieser Jugendbewegung ״annahmen“. Wie Jugend welkt und wiederum jung ersteht, so ging es auch mit den Jugendbünden, sie kamen und gingen. Und doch haben sie sich — immer aufmerksamer von der Welt der Aelteren beobachtet