Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 520 (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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620 Randglossen hat letzten Endes ihre Ursache in einem Betätigungsdrang, der nur in die Irre geleitet ist. Sprichst du zu viel, dann hast du zu wenig zu tun. Und hast du viel zu tun und sprichst du dennoch noch viel, dann hast du für dein Temperament immer noch zu wenig zu tun. Füllt eine nützliche Tätigkeit dich wahrhaft aus, dann wird deine Lust am blossen Worte von selbst verschwinden. XII. Zum Schluss eine Bemerkung zu einem Worte der Schrift. Jesaja 40, 31 lautet: ״Die aber auf den Herrn harren, bekommen immer neue Kraft, sie treiben Schwingen gleich den Adlern, sie eilen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt“. Auffällig ist nun, dass, nachdem im vorletzten Satzteil gesagt ist ירוצו, es danach heisst ילכו. Wer eilt ohne zu ermüden, von dem braucht doch wahrlich nicht gesagt zu werden, dass er zu gehen vermag, ohne zu ermatten. Die Lösung dieser Schwierigkeit ist m. E. die folgende. Es gibt ein Alter, in dem es eine viel grössere Kunst ist zu gehen, ohne zu ermüden, als es vordem eine Kunst war zu laufen, ohne zu ermatten. Die Begeisterung des Augenblicks lässt viele eilen, die dann dennoch bald vollkommen versagen, weder ״laufen“ noch ״gehen“, sondern stille stehen. Ob jemand wahrhaft von einer Sache erfasst wird, zeigt sich darin, dass der Eifer anhält, auch wenn der erste Rausch verflogen ist, wenn es sich garnicht mehr darum handelt zu eilen, sondern zu gehen. Viele kennen nur das eine und nicht das andere: sie hasten immer, besitzen aber nicht die Kraft, zielsicher und beharrlich ihres Weges zu schreiten.