Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 13 (1926)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- Seite 440 (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293042-2293047--08522-2301804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
440 Gerechtigkeit erhöhet ein Volk dem Rechte der Thora in all seinen Feinheiten folgt. Und ״die Völker der Welta das sind wie überall im Talmud die von dem wahren Menschenrecht Verlassenen, auch die Römer und ob sie juristisch noch so sehr durchgebildet, die Römer, die sich in den Circusspielen an den Qualen der Gemarterten weiden. Aber das soll hier gesagt sein: Die Gerechtigkeit, die Ausfluss des Geistes und der Gesetze der Thora ist, sie erhöhet immer ein Volk, sie kann nicht fehl gehen, selbst wenn sie scheinbar gegen die Forderung der Liebe verstösst. Aber die Liebe der Nationen ist Sünde. Denn diese Liebe geht oft auf Kosten des Rechts eines anderen, stellt ein ungewöhnliches Ausmass einer Rechtsverletzung dar. Und ist nicht die von uns beklagte Krise des Rechtsgefühls in unseren Tagen ein fernerer Beleg für diese Wahrheit? Das ethische Empfinden mancher, die heute als Richter bestellt sind, mag an sich brüchig sein. Der Dienst am Alkohol und an der Venus, wie er in den Korps, seitdem diese die alten Ideale immer mehr zu Grabe tragen, sich breit gemacht, gibt za denken. Doch es ist ja ausgeschlossen, dass einer grossen Zahl von Männern das Bewusstsein von der Heiligkeit ihres Berufes völlig verloren gegangen sein sollte. Es ist das höhere Recht wie sie es auffassen, dem hier Geltung verschafft werden soll. Es ist die Liebe zum Vaterlande — eine sehr sonderbare freilich ־ d e hier als das treibende Moment wirkt. Sie sehen in den Verdächtigten und den Angeklagten Feinde, Bedränger, Zerstörer dessen, was ihnen ans Herz gewachsen ist. Und sie haben es ja mit der Muttermilch eingesogen, dass jene starre Gerechtigkeit überwanden worden ist von der Liebe, die nimn er aufhört. Und nun gar, wo es sich nicht um die Liebe zu einem Einzelnen bandelt, sondern um die Liebe zu einem grossen Ganzen, zu dem Hehren, Hohen und Schönen, das sich für den Patrioten mit der Idee des Vaterlandes verknüpft. Ist es da nicht höheres Recht, wenn man — wo immer nur ein Schatten der Möglichkeit vorhanden ist und man sich nicht selbst strafrechtlich schuldig macht — der Forderung der ״Liebe“ folgt und die Gerechtigkeit opfert. Dazu kommt noch ein anderes: שנאה מקלקלת את השווה der Hass, die leidenschaftliche Verblendung, sie verwirrt den Sinn für die Linie der Gradheit. Sie ist auch eine Bestechung — mit umgekehrten Vorzeichen — von der die Thora sagt, dass sie das Auge der sonst Weisen blendet und die Worte der sonst Gerechten in das Gegenteil verkehrt. Ob diese Beurteilung zutrifft, wir wissen es nicht. Aber es ist ein Versuch, auch das Vergehen nach der guten Seite zu beurteilen, wie es unsere Pflicht ist; הוה דן אדם לכף זבות. Garnicht auszudenken wäre es, wenn diese Verirrungen mehr als Verirrungen wären, wenn Justizmorde versucht würden, nur damit politische Parteien daraus einen Vorteil ziehen könnten. Aber wenn wir angesichts dieser Erlebnisse an dem Fortschritt in der Versittlichung, an den allgemeinen Siege des Rechts verzweifeln wollen, dann