Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 391 (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Alter des phönikischen Alphabetes 291 feststellen kann, andererseits die Formen der phönikischen Buchstaben wenig Aehnlichkeit mit Keilschriffczeichen auf weisen. Die Eislerschen Ausführungen über dieses Thema sind im Gegensatze zu den Gardiner-Setheschen Arbeiten geschrieben und können nur im Zusammenhänge mit diesen betrachtet werden. Gewisse Aehnlichkeiten zwischen den kretischen und den phönikischen Zeichen haben vielfach dazu bewogen, die kretische Schrift als das Vorbild der nordsemitischen anzusehen. Diese Behauptung will Herrn. Schneider1) beweisen, indem er erstlich zu zeigen sucht, dass das Alphabet keine pböuikische Erfindung sein kann, und indem er zweitens einen Niederschlag kretischer Vorstellungen im phönikischen Alphabete konstatiert. Er findet in der Anordnung der semitischen Buchstaben die Wiedergabe eines Sonnenmythos ausgedrückt, der dem kretischen Minosmythos entspricht. Allerdings muss er, um das zu finden, eine Umdeutung und zwar eine recht gewaltsame der meisten semitischen Buchstaben vornehmen. Man kann die meisten seiner Deutungen eigentlich nur finden, wenn man das erst zu beweisende Vorhandensein der Sonnenmythoserzählung in der Anordnung des Alphabets voraussetzt. In Kreta meint Schneider auch die Bilderschrift gleichen zeichnerischen Charakters zu finden, die aus Phönikien nicht bekannt ist, und die nach seiner Ansicht unbedingt zum Nachweise der Entstehung des Alphabets an einer Stelle vorhanden sein muss. So kommt er zu dem Resultate, ״dass das ,phönikische‘ Alphabet in Kreta im 2. Jahrtausend v. Chr. erfunden und von hier durch die Philister zu den Semiten gebracht worden ist, die es dann wieder ihrer Sprache anpassten und weiter verbreiteten״. Auf einen ägyptischen Ursprung des phönikischen Alphabets liessen verschiedene Spuren von derartigen Ueberlieferungen bei griechischen und römischen Historikern und eine Aehnlichkeit mancher phönikischen Zeichen mit ägyptischen schliessen, sowie ferner die Tatsache, dass auch die Aegypter eine Art Alphabet hatten. Lenormant vertritt die in dem Buche seines *) Hermann Schneider: Der kretische Ursprung des ״phönikischen״ Alphabets. Leipzig 1918.