Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1925)
- Date
- 1925-07-01
- Page
- Seite 274 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2293034-2293039--07723-2301005- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
274 Vom Mirjambrunnen Aber dürfen wir Treibhausjuden Europas, wir Verehrer Schiller und Goethes unserem Bialik versagen, was wir Byron und Heine an Liebe schenken? Wir sahen doch, dass auch Gutes, jüdisch Gutes bei ihm zu finden! Gutes, das unserer Seele nützt. Freilich, jenes Abschiedswort Jakobs, jene Einheit des jüdischen Herzens, aus dem jüdische Lyrik fiiesst, sie kann nur im Lager derer geschaffen werden, die der Thora, dem ewig jungen Geiste unseres Volkes die Treue halten. Und unser Geschlecht ist schwach und mit aller Kraft muss es danach trachten, nicht überrannt zu werden und die Getreuen zusammenhalten. Aber weil Juden Streit in das Herz des Volkes tragen, darum muss der Miriambrunnen alter, jüdischer Lyrik in der reichen Sprache der Neuen zu unserem Heile wiedererstehen. Glaubt ihr nicht der Kraft dieser alt-neuen Juden? Besser Mangel als nichts. Im Osten liegt noch immer die Hauptkraft unseres thoratreuen Volkes. Es dämmert dort in manchen Herzen zur Lyrik. Und ein Jude, der ein Dichter war, voll der Thora, schönheitstrunken, an Liebe reich für G’tt und Volk, der den Schmuck des Neuen nur nahm, um dem Alten, Ewigen die Krone aufzusetzen, er ist zwar dahingegangen, aber seine Lieder leben. Er bedeutet Anfang auf diesem Wege: Abraham Elia Kaplan זצ״ל. Ein Lied, das er der thoratreuen Jugend als Hymne gewidmet, möge auch im Westen bekannt werden. Nicht so sehr, um in seinem Schöpfer den Dichter zu zeigen und die Art seines Schaffens als um zu künden, welche Sehnsucht und welcher Wille im Herzen unserer zukunftsbauenden Jungen leben sollte. Vergesset nicht: Das Testament, das Testament!