Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- Seite 246 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2292929-2293034-2293038--07673-2300955- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
246 Philosophie der Gegenwart sophen, im Gegensatz zum Künstler, ein Temperament, gesehen durch die Welt, genannt. Unter den Deutschen sind die ״Outsider“ diesmal reichlicher vertreten. Das ist gewiss kein Nachteil, wenn auch die Verachtung der מProfessorenphilosophie der Philosophieprofessoren״ (Schopenhauer) heute gewiss noch viel unberechtigter ist als je. Aber immer ist es reizvoll, Männer zu hören, die fern dem akademischen Betrieb und deshalb unabhängig von Schulmeinungen wirken. Ich kann freilich die Auswahl nicht für durchaus glücklich halten: Bilharz’ Beitrag fällt sehr aus dem Rahmen heraus, und ich gestehe ohne Bedenken, dass mir viele ״Ordinarien״, die freien Geistern und insbesondere Literaten Schrecken und Abscheu einjagen, mehr gaben als die kühnen Sprünge der Genialen. Wenn man das Lebens-• werk eines Rehmke, Stumpf, Meinong und Driesch, um nur einige zu nennen, überblickt, so darf man ihnen nicht nur vom systematischen Standpunkt aus den Vorzug geben sondern auch die geistige Leistung und den Dauerwert der mit höchstem Ernst und Verantwortungsgefühl geleisteten Beiträge zur Erkenntnis höher schätzen. Dabei verkenne ich nicht die Bedeutung der Intuition und des Dichterischen, die der Philosophie Impulse geben, welche von den strengen Wissenschaftlern dann Zug um Zug erobert werden. Von diesem Standpunkt aus werte ich Keyserlings und Zieglers Beiträge; aber keinesfalls stimme ich in die Lobeshymnen ein, die in letzteren Propheten unserer Zeit erblicken. Ich finde, die in Anzeigen und Kritiken zum Ausdruck kommende Ueberschätzung der letztgenannten steht in keinem Verhältnis zu ihrer geschichtlichen Stellung; und Drews hat m. E. kein Recht, immerfort die amtsförmliche Philosophie (übrigens ein grässliches Wort!) zu höhnen־) Aber noch unerträglicher ist die Schmähung, die sich der katholische Philosoph Gutberiet Nietzsche gegenüber leistet: Nietzsche habe ich nicht ernst genommen. Er litt wohl an Grössenwahn. s) Für Keyserling und Ziegler ist bezeichnend, wie ausserordentlich sie unter dem Einfluss H. St. Chamberlains standen, von dem sie allerdings sich später frei machten. Ziegler und Drews unterlagen der machtigen Wirkung Richard Wagners und der durch ihn belebten heidnischgermanischen Welt.