Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 386 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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Mussarbücher 886 aber jetzt nicht mehr das Geld, sondern das Geld hat uns. Auf die Geisteshaltung kommt es an, und die ist jetzt die gleiche bei dem Kapitalisten, dem Sozialisten und dem Kommunisten. Der vielgepriesene Arbeitsmenseh hat die Fähigkeit des Genusses in sich verkümmern lassen. Die Arbeit ist sinnlos geworden, weil diejenigen, die die Genussmittel schaffen, sie nicht geniessen können und der an Lebenswerten reichere Mensch nicht die Mittel besitzt, an dem Genuss teilzunehmen. Und das gleiche gilt von der Liebe, deren tiefstes Geheimnis, deren Zweck: die Zeugung neuen Lebens völlig vor der Geschlechtlichkeit, der vom Zeitgeist sanktionierten Vergeudung der Zeugungskraft■ zurückgetreten, so dass auch hier das Mittel sinnlos zum letzten Zweck erhoben. Und das Volksbewusstsein, in dem der stärkste Anker des Individuums gegeben ist, in dem es sich mit allen vergangenen Geschlechtern verbunden fühlt, mit denen es alle Schmerzen und Wonnen der vergangenen Zeiten durchlebt, aus deren Blut es die Kraft schöpft zum Weiteraufbau und Weiteraufstieg, es ist zu einem toten Begriff entartet, dem Nationalismus, durch den alles Edle im Menschen erstickt und vergewaltigt wird. Der Jude sollte seinem Wesen nach geschützt sein vor diesen Gefahren. Er hätte nie ein Zeitkind werden dürfen. Denn er hat ja in seiner Religion die Form mitbekommen, die eins ist mit Gehalt und die darum mehr als bei anderen Völkern vor der Einverleibung schützt, die vielmehr durch die Macht des Symbolischen unzählige Kräfte auslöst, um alles Fremde sich einzuverleiben, neues Leben zu gestalten, um dennoch das alte Leben zu verbleiben. In der auf ununterbrochenes Forschen eingestellten Seelenrichtung des Juden lag freilich die Gefahr, dass der Weg zur reinen Geistigkeit eingeschlagen wurde, aber sie wurde beschworen durch die Gegenkräfte, die das Gefühl entband. Aber freilich in einer Zeit des Rationalismus, beim Ansturm einer so alles beherrschenden Geistesrichtung war es nur erklärlich, dass diese Hemmungen wirkungslos blieben und der Jude unter den Rationalisten der übelste wurde. Schon Mendelssohn, der seiner Zeit den Be-