Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1924)
- Date
- 1924-05-01
- Page
- Seite 300 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
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300 Telschi gekommen und beherrschen leider auch dort die jüdische Oeffentlichkeit, wo die Mehrheit durchaus gesetzestreu ist. Nur in wenigen litauischen Städten halten die Gesetzestreuen das Heft in den Händen, wo eine fromme, begeisterte Jugend das Alter stützt — und eine solche Stadt ist Telschi, wo die weit überwiegende Mehrheit orthodox ist und durch die Jugend der Jeschiwo die Kraft erhält, jede auch die geringste areligiöse Störung zu unterdrücken. So haben wir hier das Bild eines alten, litauischjüdischen Städtchens. Vom weissbärtigen Alten, der am Beth- Hamidrasch-Tische im ruhigen Singsang seine Gemoro lernt bis zu den Fuhrleuten und Metzgern, die in Ermangelung von Thorakenntnissen T’hillim sagen, vom ״Gwir“, dem ״reichen״ Mann, reich mehr an Thora als an irdischen Gütern bis zum Lastträger, der am Sabbath am Munde des Melamed hängt, der ihn in die selige Geheimwelt der Midraschim führt, von der lieben Rebbezin, die in den Worten unserer Weisen so bewandert ist bis zu der jüdischen Magd, die jüdisch fühlt in Freud und Leid, ein Fühlen, wie es nur in der tausendfach bewährten, starken und stärkenden jüdischen Masse geboren werden kann — das alles ist jüdisches Volkstum, ist Israel, wie es in Litauen seit Jahrhunderten gelebt hat und wie es heute noch in Telschi und in einigen Orten in aller Reinheit lebt. Lebt, weil eben ein Haus inmitten dieser Masse steht, ein Haus, das gleich einer Kraftzentrale ständig in und mit sich arbeitet, um dann in feinen Drähten den Kräftestrom nach aussen zu senden, weil eben eine grosse Jeschiwo in Telschi ist. Im Jahre 5633 wurde die Jeschiwo gegründet von einem Grossen der Zeit, einem Schüler R. Isroel Salanters זצ״ל, R. Elieser Gordon זצ״ל. Eine wunderbare Persönlichkeit muss dieser Raw gewesen sein. Denn wenn man nach Telschi oder in die Dörfer der Umgebung kommt und spricht einem einfachen Juden von R. Leiser דל, wie er im Volksmunde heisst, dann geht ein Strahlen über das gefurchte Antlitz, ein Glänzen kommt in die Augen: Reb Leiser! Er war ein Fürst der Thora1) und um *) Seine Bedeutung ist noch heute aus den תשובות ר׳ אליעזר, einem Sammelwerk, das nach seinem Tode herausgegeben wurde, zu ersehen.