Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1923)
- Date
- 1923-05-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Die altisraelitischen Propheten usw. vom Berge Saint Michel zurückgeschlagen. Der Jubel über diesen Sieg drang auch bis nach Domremy und erfüllte die Seele der Jungfrau von Orleans. Deshalb war es der Engel Michael, der ihr erschien. Aber die ausserordentlichen Wahrnehmungen der Propheten der legitimen Religion Israels auf die Stufe von Halluzinationen herabzudrücken, bei denen das Geschaute bereits vorher in der Seele dieser Männer gelebt hätte, das ist eine Vergewaltigung aller positiven Aussagen dieser Propheten und eine unwissenschaftliche Ignorierung des gewaltigen Geisteskampfes, den sie für die wirkliche Uebermenschlichkeit ihrer Erlebnisse gegenüber den andern, die im Namen des Ewigen auftraten, ausgefochten haben. Das Schlussurteil jenes neuen Buches lautet so: ״Wie der Künstler schaut, wie der Dichter hört, was ein Gott ihm eingibt, nicht was er selbst ersinnt und sich abringt, so schauten und redeten auch die Propheten״ (S. 61 f.). Nun erstens ist auch dies nichts Neues, sondern nur ein Echo älterer und neuerer Behauptungen, und zweitens beruht auch dieses Schlussurteil noch speziell auf Ignoranz betreffs folgenden Sachverhalts: Auch in Israel verknüpften die Dichter ihre Produkte mit dem Herzen (der Denkwerkstätte): Ps. 36,2 und 49, 4, während die anerkannten Propheten dagegen protestierten, dass sie aus ihrem Innern schöpften (Jer. 14,14 usw.). Ferner in Israel hat sich der Dichter David nicht für einen Propheten gehalten, sodern einen solchen befragt (2. Sam. 7, 1 f.), und in Israel hat sich der Psalmendichter ausdrücklich von denPropheten get rennt, indem er sagte: ״Es ist nicht vorhanden ein Prophet״ (Ps. 74, 9). Nach alledem kann mein Schlussurteil nur dieses sein: Die Propheten der legitimen Religion Israels bedürfen zu ihrer Würdigung nicht eines Psychiaters, sondern eines allseitig forschenden Historikers.