Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1922)
- Date
- 1922-09-01
- Page
- Seite 384 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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384 Hermann L. Strack die so manchen christlichen Gelehrten eigen ist, wenn sie über talmudisch-rabbinische Dinge und über die iüdische Wissenschaft reden. Die gediegene Grundlage seines umfassenden Wissens auf diesem Gebiete setzte ihn nun auch in den Stand, der anerkannteste christliche Gutachter zu werden, dort wo es sich um Angriffe gegen das Judentum bandelte. Als Gutachter berufen zu werden ist eine Ehre und darum kein besonderes menschliches Verdienst. Unvergessen soll ihm aber sein, dass er ungerufen, nur aus dem Streben, der Wahrheit zum Siege zu verhelfen, so oft auf den Kampfplatz trat. Von der Tiszla-Eszlar-Affltire an erschallte sein Ruf nach Gerechtigkeit gegen die Blutlüge durch alle Etappen, die diese zur Schande Europas seitdem genommen. Seine Ausführungen verarbeitete er zu Werken von dauerndem wissenschaftlichen Wert. So kämpfte er gegen Rohling, gegen den ״Judenspiegel“ bis herab auf unsere Zeit gegen die Behauptung der ״jüdischen Geheimgesetze“ — ״die Weisen von Zion“ usw., gegen Arthur Dinter und die Pamphlete von Friedrich Delitzsch, dem so anders gearteten Sohne seines grossen Vaters. Er hat dafür von einer grossen Anzahl seiner Glaubensgenossen nicht nur Hass, sondern auch Hohn und Spott geerntet. Er ist in der schändlichsten Weise verdächtigt worden, denn für diese niederen Seelen, die für den Wahrheitsforscher und Wahrheitskämpfer kein Verständnis haben, gab es nur eine Erklärung; der klingende Lohn, den der ״Judensöldling“ dafür eingeheimst. Er ist arm gestorben und hat ärmlich gelebt, er musste schon in Friedenszeiten manche von seinen ihm so teuren Büchern verkaufen, und er hat oft auch dem Schreiber dieser Zeilen gegenüber geklagt, wie keine seiner Veröffentlichungen ihm soviel gebracht, dass er sich genügend Bücher, sein Handwerkszeug, dafür kaufen konnte. Und vor allem: er kannte freilich viele Juden und konnte daher nicht in den Chor der Hassenden und Verachtenden einstimmen, aber er liebte nicht das Judentum, dem er, wie nur einer der einseitigsten christlichen Theologen, eine sehr untergeordnete Rolle dem Christentum gegenüber zuwies. Er ging auch, wie er das selbst in der oben erwähnten Broschüre schildert, durchaus mit Stöcker eine Strecke Weges zusammen. Er verliess ihn erst, als dieser der Demagogie zuliebe der Lüge verfiel. Um so mehr des Ruhmes wert ist es, dass er um der Wahrheit willen für uns gestritten und wir dürfen auch sagen gelitten. Einer dauernden, dankbaren Erinnerung ist dieser Mann, den wir zu den חסידי אומות העולם zählen, in unseren Reihen sicher. J. W. Verantwortlicher Redakteur Dr. J. Wohlgemuth, Berlin. Drude von H. Itzkowski, Berlin N 24, Auguststr. 69.