Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 187 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2293011-2293015--05616-2298899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Erwählung Israels 187 sahen wir nun in Talmud und Midrasch in ähnlicher Weise, wie von Jehuda Halevi gegeben. In welcher Weise die zweite Seite des Problems, wie ist das Leiden Israels mit dem Begriff der Auserwähltheit in Einklang zu bringen, in Talmud und Midrasch behandelt worden ist, darüber können wir uns kurz fassen. Man könnte sagen:: es hat aufgehört ein Problem zu sein. Die Frage nach der Berechtigung der ausserordentlichen Heimsuchungen Israels kann als ein,Teilproblem des Problems der Theodicee angesehen werden. Und Talmud und Midrasch haben für dies Problem, das Problem: warum leidet der Gerechte, bekanntlich weniger übrig als unsere biblischen Schriften. Das liegt an zwei Momenten: Zuerst an dem weit mehr als früher gesteigerten Sündenbewusst8ein. Der Abstand zwischen dem Menschen und Gott wird so stark empfunden, das Mass der Verpflichtung gegen Ihn so erhöht, die Schwere eines Vergehens so stark genommen, dass die Leiden des Einzelnen, auch des gerechten und frommen Menschen, als verdiente Strafe angesehen werden. Man erinnere sich des Bangens, mit dem einer unserer Grössten seinem Tode und dem Tage des Gerichts entgegen sah, R. Jochanan ben Sakkais39). Und da dies Sündenbewusstsein wohl der eigenen Person ansteht, nicht aber ins Feld geführt werden darf, wenn man das schier unerreichbare Vorbild leiden sieht, wird der Begriff der 40 יסורין של אהבה) geprägt. Leiden zur Prüfung, Läuterung und immer mehr gesteigerten Vollendung oder Leiden^ die den letzten Rest der Strafwürdigkeit hinieden tilgen, damit des Vefklärten im Jenseits die reine, ungetrübte Freude harre. Denn das ist das Zweite: Der Blick ist ganz anders wie früher auf das Jenseits gerichtet. Diese Welt ist die Welt des Schaffensaber auch Duldens, die zukünftige die des zu empfangenden Lohnes. Nur 80 erklärt es sich, dass in der fast unübersehbaren Ueberlieferung von Talmud und Midrasch das Problem der Theodicee, in der Bibel ein Centrum religiöser Vertiefung, bis auf wenige Stellen41) unberücksichtigt bleibt. ") Berachoth 28 b. 40) ebds. 5b u. o. 41) Berachoth 7 a*