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Jeschurun · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März 1922) · p. Seite 117

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März 1922)
Date
1922-03-01
Page
Seite 117 (sequence 37)
Language
German
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D eutungsversiich nsw: 117 Wir erinnern einleitend an den Hauptgedanken der Reikschen Ausführungen (s. Jeschurunheft VIII. 3/4, Seite 138 f.), ־wonach im Kol-Nidre die jüdische Gemeinde sich radikal gegen das Bundesverhältnis mit Gott wendet und den in der Brith (בדית) auf sich genommenen Zwang der Heilighaltung der Eide, insbesondere des Eides der Enthaltung von Vatermordgedanken gegen Gott, abschütteln möchte. Diese Zwangsauflehnung geschieht unbewusst, triebartig, urinstinktmässig, wie bei den Zwangsneurotikern, die trotz aller Uebergewissenhaftigkeit oder gerade deshalb von Zeit zu Zeit ein Auflehnungsbedürfnis zur Brechung ihrer Vorsätze empfinden und die wenigstens in Gedanken und Worten sich in einem Excess des Verbotenen austoben, um dann bald darauf wieder in Reue und Zerknirschung Enthaltsamkeit von der verbotenen Tat doppelt feierlich und fest zu geloben. Alle Eide und Gelübde gehen zurück (nach Freuds Totemforschungen) auf eine in grauer Vorzeit anlässlich eines mutmasslichen Vatermordes an Gott eingegangene Bundesverpflichtung, nie wieder derartige Mordpläne zu sinnen oder auszuführen. Das Kol-Nidre enthält demnach seinem unbewussten Inhalt nach das Doppelte, ambivalente Gefühl: das triebartige verpönte Gefühl der Auflehnung gegen die uralte Eidesverpflichtung, und das Reuegefühl des Gehorsams gegen den mächtigeren, strafenden Vatergott und das Versprechen zukünftigen unbedingten Gehorsams (s. genau Jeschurun, 1. c. 139/41). Nun hat Karl Abraham an diesen Ausführungen Reiks, die er übrigens bewundernswert in ihrem Scharfsinn findet, nur den einen Punkt auszusetzen, dass der Autor das Kol-Nidre nur i 8 o 1 i r t der psychoanalytischen Deutung unterworfen habe, ohne es in tieferen psychologischen Zusammenhang mit dem gesamten übrigen Ritus des Versöhnungst a g e s gebracht zu haben. Es müssten sich doch in enger Nachbarschaft psychologische Erscheinung aufweisen lassen, so meint Abraham, die eine tiefere ursächliche Verknüpfung des Kol-Nidre-Ritus mit dem übrigen Zeremoniell des

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