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Jeschurun · 1922-03-01 · Heft 3-4 (März 1922) · p. Seite 83

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
9 (1922)
Issue
Heft 3-4 (März 1922)
Date
1922-03-01
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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Heiligkeit und Weltlichkeit 83 Markte, in der Gasse, im bunten, strömenden Volksleben waren sie nicht zu 7finden. Wohl herrschten in der stillen Klause Gerechtigkeit und Liebe, aber auf dem Markte galt nur Gewalt und List; wohl erklangen in den Tempeln Hymnen, aber in den Gassen machten sich die Triebe breit. Wer ein Heiliger werden wollte, der musste das Leben fliehen. Tempel und Markt, Heiligkeit und Weltlichkeit, waren zwei verschiedene Welten, durch eine ungeheure Kluft getrennt, und keine Brücke spannte sich darüber. Aber das Volk, das jetzt in die Geschichte getreten, das jetzt die Sache Gottes führen sollte, durfte mit diesem Bruche nicht belastet sein, durfte einen solchen Zwiespalt nicht mit sich fuhren. Bei ihm sollten Markt und Tempel nicht feindlich gegenüberstehen, ihm sollten Heiligkeit und Weltlichkeit in eins zusammenfliessen. Und klar wird uns nun, warum משפטים gerade den Beigen eröffnen, warum משפטים an den Eingang treten musste. Kann doch nichts deutlicher und schärfer die himmelweite Kluft offenbaren, die Jisroel von den Völkern trennt, als der Gedanke, den משפטים zum Ausdruck bringen will: Der Jude dient Gott, indem er seinen Alltag heiligt, des Juden Priesterkleid ist auch ein schlichter Arbeitskittel, jede seiner Handlungen auch im Bereich der äusseren Lebenszwecke, so sie nur in gottinnigem Gedenken vollzogen, wird ein קרבן für Gott. Der Jude schreitet hinter seinem Pflug einher, er schwingt den Hammer und bietet seine Waren feil, aber im Herzen sinnt er heimlich seinem Gotte nach. Der Jude scheut das Leben nicht, er taucht hinein und trinkt mit vollen Zügen aus seinem tiefen Strom. Denn für ihn ist ja מלא כל הארץ ככוחי, die ganze Welt ist ihm ein grosses Heiligtum. Und da der Jude so sein Leben heiligt, muss seine Heiligkeit ihm auch lebendig bleiben. Vom unerschöpflichen Lebensström bespült, weiss er auf immer neue Weise Gottes Lied zu singen, vom unversieglichen Lebensquell befruchtet, kann seine Inbrunst nie erlahmen, kann seine Gottesglut nie erlöschen.

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