Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 9 (1922)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Das jüdische Lehrerseminar in Litauen einiger Jahre nach und nach der dringendsten Not abhelfen zu können. Die Leitung ist sich klar bewusst, dass der einge• schlagene Weg kein idealer ist. Aber es gilt wenigstens die Jugend den areligiösen Schulen der Gegner zu entrissen. Musterschulen können mit so notdürftig vorgebildeten Kräften nicht begründet werden; doch muss es uns vorläufig genügen, wenn in ihnen nicht wie im andern Lager der Geist der Leugnung und der Religionsfeindlichkeit, sondern der Geist der Thora und der wahren Jüdischkeit zur Herrschaft gelangt. Die stärkste Seite dieser Lehrerschaft liegt gewiss in ihrer hebräischen Vorbildung; meist der Jeschiwoh entstammend, verfügen sie über eine solide Grundlage und bringen der weiteren Ausbildung reges Interesse entgegen. Leider kann ihnen bei der beschränkten Zeit in den profanen Fächern: Arithmethik, Naturwissenschaften, Geschichte und Erdkunde nicht das Mass von Wissen geboten werden, das man selbst bei einfachen Volksschullehrern als selbstverständlich voraussetzen sollte. Eine eindringende Arbeit müsste hier um so mehr geleistet werden, als die in westlichen Ländern in den normalen Schulen erworbenen Kenntnisse den Hörern der Kurse vollständig fehlen. Im Augenblick bleibt keine Wahl: das bestehende Werk,, das allein durchführbar erscheint, muss trotz aller Mängel aufrecht erhalten werden. Für die Zukunft muss ein weiteres und höheres Ziel ins Auge gefasst werden. Der Kampf gilt nicht nur den Volksschulen der Kultürliga und des Tarbus: noch viel heisser werden wir mit den sogenannten jüdischen Gymnasien zu ringen haben. Sie tragen ihren Namen zu Unrecht; sie sind ebensowenig jüdisch wie Gymnasien — und doch wirkt der blosse Name wie ein Zauberwort. Fast alle Städte Litauens erfreuen sich heute einer solchen Gründung, und scharenweise fuhren die Eltern ihre Kinder diesen Anstalten zu. Die Er• innerung an frühere Zeiten, wo ein Gymnasium dem Juden schwer zugängUch war und daher der Eintritt um so heisser begehrj wurde, mag uns dieses Rätsel aufklären. Die Ratlosigkeit, für die Kinder eine geeignete Erziehungsanstalt zu finden,