Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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340 Zur Reisezeit I. Klasse sitzt ein feiner Herr dir gegenüber, bietet Erfrischungen dir an, du fühlst dich geehrt und nimmst dankend an, ״Cigarre gefällig״ du zündest sie an und bewunderst die seltene Marke, doch wie wird dir plötzlich, der Kopf wie betäubt, die Glieder bleischwer, die Augen fallen dir zu — und der feine Herr plündert dich aus, nimmt alles dir fort, und wenn du erwachst aus tiefem Schlaf, erkennst du, was er dir getan. Also der böse Trieb, die Lockung zur Sünde, betörend, betäubend, mit irdischen Freuden umgaukelnd, dein Bestes und Edelstes dir raubend, — und wenn du erwachst aus des Todes Schlaf, erkennst Du, was er Dir getan. — Zur Zeit der Postkutsche, da du Tage und Wochen zur Fahrt gebraucht hast, da du Strecken zu Fuss wandern musstest, wenn die Pferde die Kraft nicht mehr hatten, da erschien Dir die Bahnfahrt der Sehnsucht Ziel, der kühnsten Wünsche Erfüllung; doch heute, wie viel zu langsam fährt Dir die Bahn, du wünschtest, sie hätte Flügel; im Leben das Gleiche, immer mehr, immer mehr, — Zufriedenheit nur ist das höchste Glück. — In dem einen Abteil herrscht Freude und Lust zur Hochzeit fahrender Gäste, in dem anderen Klagen und Schluchzen schmerzgebeugter Trauernder, auch hier ein Bild des Lebens, eine Zeit des Leids und eine der Freude. Im Zuge sitzen Vornehme und Gemeine, Edle und Schlechte zusammen, am Bahnhof entscheidet sich’s, wen der Wagen erwartet, um ins Schloss ihn zu fahren, wen der Beamte des Gerichts empfängt, um ihn der Strafe zuzuführen. Im Leben wandeln sie miteinander, an der Grenze des Lebens erkennt man den Frommen, den Frevler. — ״Rauchen verboten“ steht im Abteil und ein jeder beugt sich der Vorschrift, aber ״Rauchen verboten“ auch am Sabbath gilt, und wie viele sündigen dagegen! — Gar oft fasst der Fahrgast in seine Tasche, ob die Fahrkarte er nicht verlegt hat, denkt er . auch so der göttlichen Gebote, der Fahrkarte für das Leben? Welche Aufregung an der Zollgrenze — welche Gleichgiltigkeit an der Lebensgrenze! Wie ängstlich verbirgt sich ein Fahrgast ohne Fahrkarte bei Kontrolle — kann er vor dem himmlischer Prüfung sich verbergen?