Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 8 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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312 Moderne westliche Ghettoliteratur Es fehlt ihm die Liebe zum Volkstum, seinen Gestalten das jüdische Blut, die jüdische Atmosphäre, der unmittelbar erlebte Gegenwartsausdruck: es sind in der Retorte des Intellektualismus geschaffene Kunstprodukte (etwa nach Art der in den Spinoza-Romanen Auerbachs und Kolben״ hayers auftretenden Judengestalten), doch Fleisch und Blut und Brüdergefühle von uns selbst1) erwarten wir vergebens von diesen nur ihrer Idee nachjagenden Aethergeschöpfen. — Ein ganz anderer Geisteszug weht uns aus den Werken der westeuropäischen und amerikanischen Dichter entgegen, von denen wir einige im folgenden näher behandeln wollen, sie sind Blut von unsrem Blut, sie sind die echten Erleber und Nach- Schöpfer des modernen Ghettomilieus, wie es Amsterdam, London, New -York hauptsächlich aufweist. Noch einer Frage gilt es zu begegnen, ehe wir weiter gehen, und zwar: Gibt es denn ein solches westliches Ghetto noch heute? Was sind ferner die psychologischen Ursachen und Vorbedingungen für dessen Entstehung und Fortbestehen? Wie konnte sich trotz Emanzipation und unbegrenzter Freizügigkeit ein Ghettoleben herausbilden? D arauf ist kurz die Antwort: Zwar sind die Ghettomauern gefallen, doch nicht die Mauern machen das Ghetto, sondern der Geist, nicht die m a t e r i e 11 e Absperrung, sondern die geistige. Und nicht bedarf es des Jahrhunderte langen Zusammenseins- und Wohnens von Tausenden Juden, um jene eigentümliche Luft des Sonder- und Andersseins des Ghetto zu schaffen, sondern jeder im Ghetto geborene Jude trägt sein Stück Ghetto mit sich, überallhin, wo immer er sich niederlässt, und bildet dort selbst eine neue Ghettostätte. Dies sehen wir an Amsterdam, London, New-York, und neuedings auch an B e r 1 i n, wo ein neues Ghetto im raschen Entstehen begriffen ist. Dies ist eben eine Eigentümlichkeit des jüdischen Volksstammes im Gegensatz D Vgl. Wassermanns neueste Schrift: Mein Weg als Deutscher und Jude.