Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 549 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Von den Aufgaben usw. 549 verdienei}. Die Alten belegten sich auf festem Grund und gingen von ihnen gewissen und unanfechtbaren Grundlagen zu den Folgerungen. Wir; die Erkenntnisfragen behandeln oder in dichterischen Versuchen jüdische Probleme lösen wollen, sind schlechter daran, umso schlechter, als uns meist die Tiefe und Breite der Kenntnisse vcin Wesen des Judentums abgeht, die die Früheren batten. Uns ist die Aktivität oft genug Fallstrick, die Geschäftigkeit, die unsere ganze Gegenwart durchzieht. So mancher Autor fühlt sich verpflichtet, in gewissen Zeitabständen der Welt eine neue Frucht seines Denkens darzureichen. Dadurch kommt eine ungesunde Hast in die Produktion unserer Zeit•, und nicht zuletzt unsere jüdischen Autoren opfern diesem Laster. — Es gibt in unseren modernen Zeitschriften (jüdischen), aber auch in Monographien unerträgliche Längen, unausgereifte Gedankenfolgen. Dieses ״Strecken“ der Gedanken ist für jeden, der einen konzentrierten Genuss verzieht und nicht vom Autor jeder Mühe des Denkens enthoben sein will, eine Qual. Mit kraftvoller Satire geisselt 11 omainEolland inseinem ״Johann Christof“ (111,119) diese unkeusche Art, alles, was man auf dem Herzen hat, auszuplaudern. Er klagt, dass Goethes Gedichte, die zunächst von Zelter mit edler Zurückhaltung vertont worden waren, nach und nach von Schubert bis zu Wolf mit immer grösserer Schamlosigkeit entkleidet wurden. ״Was einst zurückhaltend von einem Mann gesagt wurde, heulen heute unzüchtige Weiber, die sich nackt zur Schau stellen.“ Hat nicht dieser geniale Franzose besser als viele Juden den Adel der צניעות erkannt, deren Pflege unsere besondere Sendung ist? Aber leider verdecken bei uns nicht wenige ihre Gedankenarmut durch den Kult der Form, den sie, nicht von den grossen Deutschen, sondern von den matten Ausläufern einer ermüdeten Literatur entlehnt haben. Und oft genug wird 11ns diese absterbende Kunst als Verjüngung angepriesen! Aktivität ist ein Vorzug; aber sie^muss sich auf das Denken beschränken. Je emsiger und unbeirrter ein wirklicher Denker in die Schächte des Geistesreicbes steigt und neue Adern findet, umso besonnener und zurückhaltender wird er bei der Veröflent-