Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 512 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292996-2293003--04569-2297851- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
612 Nachwort des Herausgebers. worden, dem Verfall Einhalt zu bieten, und die Versuche werden mi den Mitteln gemacht, die in Deutschland in den beiden letzten Menschenaltern erprobt sind. Aufsätze, Abhandlungen, Werke der Vorkämpfer des überlieferten Judentums aus jener Zeit werden ins Jüdischdeutsche oder ins Hebräische übertragen, Männer aus unserem Lager zur Leitung־ von Anstalten berufen. Nicht alle Gedanken jener Zeit sind für die heutige mit ihren mannigfachen anderen Problemen verwendbar, auf vieles, was durch die umfangreiche jüdisch-deutsche und hebräische Literatur, die fast ausschliesslich von destruktivem Geiste erfüllt ist und überall, selbst in den Kreisen der Jeschiwoth, Eingang findet, muss heute geantwortet werden. Die Grundlage für alle populäre Aufklärung bleibt aber immer gediegene Geleartenarbeit. Aus ihr allein kann der Schriftsteller und Lehrer schöpfen, auf sie muss immer wieder verwiesen werden. Der Beruf des jüdischen Gelehrten ist heute an sich ein dornenvoller. Noch mehr der des in Thoratreue verharrenden, dem von der nichtjüaischen Wissenschaft zumeist — wenn auch zu Unrecht—die Unbefangenheit abgesprochen wird. Und nun werden ihm noch von denen, die er zu seinen Gesinnungsgenossen zählen möchte, Steine in den Weg gelegt. Der junge Nachwuchs thoratreuer jüdischer Gelehrter, die sich auf diesem Gebiete betätigen wollen, wird abgeschreckt, und wir ,werden dem Ostjudentum, das in seiner schweren Bedrängnis gerade von dem deutschen Judentum, das ihm für die harmonische Ausbildung thoratreuer Juden vorbildlich war, Hilfe erhofft, immer weniger zu bieten haben. Oder glaubt man, dass die frommen Aerzte, Juristen, Mathematiker, Neuphilologenusw., bei denen Judentum und Wissenschaft völlig auseinanderfallen, die sich in zwei verschiedene Menschen wandeln, je nachdem sie sich mit dem einen oder mit dem anderen beschäftigen, die von den Problemen, die sich hei jedem ersten Versuch der Vertiefung darbieten, keinen Hauch verspüren, einen genügenden Ersatz bieten? Es hat zu allen Zeiten Kämpfe um diese Stellungnahme gegeben Einer der heftigsten war der um die Schriften des Maimonides. Als aber der Kampf so ausartete, dass diese den Dominikanern denunziert wurden, da kam das grosse Autodafe für unzählige Talmudexemplare: und R. Jona hat, da er mit zerrissenen Gewändern als Büsser die Wallfahrt zum Grabe des Maimonides antrat, das Unglück, das dadurch das Judentum für alle Zeit betraf, nicht wieder gut gemacht. Wir sind hald so weit, wenn diejenigen, die das Prinzip des Maimonides, das übrigens auch das des R. Bechai Hach&ssid und des Chisdai Creseas Hachassid war, verfechten, vor der nichtjüdischen Oeffentlichkeit geschmäht ,werden, und ein Teil der akademischen Jugend diesen Schmähungen zustimmt.