Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 304 (sequence 106)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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304 Leben und Wirken Dr. I. Hildesheimers. Kreise Norddeutschlands und anderer Teile des Reiches geworden, wenn nicht in Esriel Hildesheimer ein Mann auf den Plan getreten wäre, der dem drohenden Zerfall Einhalt geboten und um sich Alter und Jugend zum Erhalten und Neuaufbau zu scharen vermocht hätte?! Unausdenkbar sind die Folgen, die sich ergeben konnten. Diese Erwägungen, dass, wie Hildesheimer es selbst sagte, ״Deutschland ein Recht auf ihn hatte‘, und ferner die Erkenntnis, dass in Ungarn ihm so viele Schwierigkeiten, auch von Männern seiner religiösen Anschauung, in den Weg gelegt wurden, aber auch das Bewusstsein, dass immerhin die Lage des gesetzestreuea Judentums dort gesicherter sei, als in Deutschland, liessen in ihm den Entschluss reifen, dem Rufe nach Berlin zu folgen. Schwer, gar sehr schwer, muss er mit sich gerungen haben, als es galt, die ihm teuer gewordene Gemeinde, nicht minder aber seine ureigenste Schöpfung, die Rabbinatsschule, die Geist von seinem Geiste war, zu verlassen. Seinen Gefühlen verleiht er Ausdruck in der ״Nachschrift‘ zum dritten und letzten Rechenschaftsbericht, d. d. 14. Ab 5629 1869, wo er von seinem Lieblingskind אשר גפשיי קשורה כנפשו wehmütig Abschied nimmt, und mit heissen Segensworten er seine nun sich in verschiedene Richtungen zerstreuenden Schüler entlässt. Mit Recht konnte er sagen, dass er über seine Tätigkeit in den 18 Jahren beruhigt die Geschichte urteilen lassen könne, die die3 in der Tat als die unparteiischste Richteiin gesprochen hat; denn ein Mann seinesgleichen enstand der ungarischen Judenheit nicht mehr, und mit wehmutsvoller Ahnung musste er auf die kommenden Unglückstage für die jüdische Gemeinschaft des Landes hinweisen. Da man seinem Rate nicht gefolgt war, mussten die glaubenstreuen Kreise Ungarns mit Schmerz erleben, dass, anstatt eines im Geiste der Eisenstädter Schule errichteten Seminars, aus dem ehemaligen von Juden aller Richtungen gezahlten Kontributionsfonds eine Landesrabbinerschule in’s Leben gerufen wurde, die wohl der Wissenschaft des Judentums grosse Dienste geleistet, aber der Erhaltung des positiven Judentums, leider, recht argen Abbruch getan hat.