Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1920)
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Die Gründung und Bedeutung des Rabbinerseminars in Berlin. 80 doch deren Erstarkung, Vertiefung und Festigung ausgegangen sind. L Die religiöse Reform im 19. Jahrhundert; ist ein Werk der Rabbiner. Die Tastversuche der Nichttheologen, David Friedländer in Berlin, Israel Jacobsobn in Cassel und dann in Berlin, mussten, weil sie von Anfang an nicht am Judentum, sondern an nichtjüdischer Gedankenwelt orientiert waren, rasch entweder zunVAbgrund führen oder, in ihrer Nichtigkeit erkannt, aufgegeben werden. Die gewaltige politsche Umwälzung am Ausgange des 18., die tiefgreifende sozialeUmgestaltuug imBeginne des 19. Jahrhunderts, die mit der Niederlegung der Gbettomauern ihren Anfang nahm, die geistige Umformung, die Mendelssohns Pentateuchübersetzung für eine kleine Oberschicht des deutschen Judentums einleitete, haben das Problem gestellt, mit dem das ganze Jahrhundert zu ringen hatte; die Kulturwerte, wrelche die Allgemeinbildung zu vermitteln hatte, mit den uralten des Judentums, der für alle Zeiten und Geschlechter gegebenen Gotteslehre, zu verbinden und einen Ausgleich zwischen ihnen zu finden. Es wr011te nicht gelingen. Die altorthodoxe Partei wies die Kultur der Zeit, die neue Bildungsscbicht die des Judentums ab. Es war schon aus ihrem Leben verschwunden, es verschwand auch aus ihrem Denken. Es war, als ob der ragende Gedankenbau, der den Jahrhunderten getrotzt, plötzlich zusammengebrochen und morsch geworden, die wunderbare geschichtliche Erscheinung des Judentums ausgelöscht wäre. Der Strom jüdischen Lebens, einst machtvoll und stark, breit und rauschend, verlor sich draussea ganz und mündete, eng und schmal geworden, im Gotteshaus, in einem Kultus, der mehr auf den Beifall christlicher Kreise als auf die Uebereinstimmuug auch mit bescheidenen Forderungen religiöser Ueberlieferung eingestellt war. In einem Zeugnis2) aus jenen Tagen, in dem bekannten, David Friedländer zu geschriebenen Sendschreiben an den Consistorial- 2) Graetz, Geschichte Bd. 11 p. 162 ff., Philippson, Neueste Ge־ schichte des jüdischen Volkes, Leipzig 1907 Bd. 1 p. 158.