Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1920)
- Date
- 1920-03-01
- Page
- Seite 111 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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111 Die göttliche Gerechtigkeit Wo bleibt im Walten der Vorsehung die göttliche Gerechtigkeit? Hat Israel denn mehr Schuld auf sich geladen als die anderen Vöiker? Es ist auserwählt vor den anderen, aber auserwählt scheint es nur zum Leiden. Und mehr noch als sonst, da die Welt ihren verhältnismäßig ruhigen Gang und die Schicksale des Einzelnen in Freud und Leid keinen so stürmischen Verlauf nahmen, erhebt sich in unserer Zeit da Krieg und Seuche unsere Reihen oft dem Geschicke Hiobs gleich gelichtet, da die Skrupellosen und sittlich Minderwertigen auf eine nie von ihnen erwartete soziale Höhe gestellt, während oft die Edelsten in die tiefste Trauer gestürzt wurden, da wir nicht nur im Völkerleben, sondern auch im Auf und Ab des Einzelschicksals den Guten zu Boden sinken und den Schlechten triumphieren sehen. — erhebt sich •in unserer Zeit die alte Frage:׳צדיק ורע לו רשע וטוב לו wie verträgt sich mit der göttlichen Gerechtiggkeit, mit dem Grundgedanken unserer und aller positiven Religionen, daß Gott das Gute belohnt und das Böse bestraft, die Tatsache des von uns beobachteten Weltenlaufs, daß im allgemeinen der Gute hienieden von Leid heimgesucht, während der Schlechte seines Lebens froh wird. Es haben fast alle Zeiten mit diesem Problem gerungen, das in der Sprache der Religionsphilosophie das Problem der Theodicee genannt wird. Noch Leibnitz hat darüber ein dickleibiges Werk geschrieben, es ist eigentlich das einzige größere zusammenhängende Werk, das wir von ihm besitzen. Aber keiner ist über die Lösung hinausgekommen, die bereits in der Bibel gegeben wird. Auch diese ist keine restlos befriedigende; wir werden sehen, weshalb es der Natur der Sache nach keine solche geben kann. Aber in ihr scheint alles gesagt zu sein, was überhaupt zu sagen ist, und sie hat den Vorzug mit der Autorität ausgestattet zu sein, mit der das Bibelwort uns entgegentritt. Der Fehler in allen Versuchen einer Lösung liegt darin, daß eine einzige Antwort für alle Schwierigkeiten zu geben versucht wird, die das Problem bietet. In der Bibel erhalten wir eine Reihe von Antworten. Sie finden sich in den Stellen, in denen unser Problem im Zusammenhang erörtert wird. Berührt wird es an vielen Stellen auch bei den Propheten, so vor allem bei Jirmijahu,