Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 612 (sequence 114)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2292929-2292989-2292995--03914-2297195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
612 Eine jüdische Dichterin. dichterische Form annehmen. Man kann die Sammlung geradezu als ein Buch der Symbolik des jüdischen Pflichtenlebens* als eine Kette von Sinngedichten auf die einzelnen jüdischen Gesetzesvorschriften ansprechen. Manche Dichtungen klingen wie Weihgedichte auf einzelne Gebote. Hier findet die Verfasserin lautere, inbrünstige Töne der Herzensandacht, di© stellenweise mit Glück das Vernünftelnde und Fröstelnde des Verstandesmäßigen übertönen: Feierstunden, Feiertage, Die uns das Gesetz befiehlt, Das in Arbeit, Müh״ und Plage Ruhezeiten erst erzielt. Kur die Schaffenden begreifen Solcher Satzung tiefen Sinn, Ganz den Alltag abzustreifen Und das Trachten nach Gewinn, Sich in Sinnen zu versenken, Höherem Wesen zugeneigt, Das in andachtsvollem Denken Tempelstufen aufwärts steigt . . . Und so reiht sich ein religiöses Stimmungsgemälde ans andre; die Schönheit des Wochenabschnittlesens wird gefeiert, der Stimmungszauber der Mondscheinweihe, der Trauerwochen vor Tischobeow und dieser selbst, der Jaum-Kippur, ein Festtag, ״der mir die Wiege zeigte und die Gruft״, das Sukkoßfest, das Jahrzeitlicht־Anzünden und anderes werden in Jubel- und Klagetönen in bunter Reihe besungen und ihr Stimmungswert auszuschöpfen versucht. Hier ist, so empfinden wir, manches Gefühlsgemälde anfangs mit großem Schwung inszeniert, ebbt aber gegen Ende auffallend ab, ein Mangel an Steigerungskunst, dem die Verfasserin übrigens oft verfällt, und nur selten ist gegen Schluß eine Pointierung oder eine Höhen• Wirkung zu bemerken. Es ist nicht möglich, auch nicht Aufgabe dieser Zeilen, eine ins Einzelne gehende Vorstellung von dieser Gedicht- Sammlung zu geben. Fassen wir unser Urteil zusammen, so gewinnen wir den Eindruck: Hier spricht keine von Gottes Gnaden inspirierte oder von religiösem Jubelrausch entflammte Lyrikerin, sondern ein in edelsten Formen gezüchtetes Talent, eine lebenskluge Menschheitspriesterin und echtfromme Jüdin und Mutter in Israel formt Stimmungen, Andachten, Erbauungen für ihre Brüder und Schwestern; es ist kein Ringen und Aufbäumen und Bahnbrechen, sondern meist ein sanftes mond-