Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 577 (sequence 79)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die moderne Poetisierung des althebräischen Schrifttums. 577 frauen ihrer Stämme ebenso wichtig waren, wie dem Römer eine Plancina und Agrippina1)? Ein drittes Mittel, Geschichte und Sage in den Literaturen voneinander abzugrenzen, beschreibt jener Genesiserklärer in folgenden Worten: ״Bei jeder Nachricht, die als glaubwürdige geschichtliche Erinnerung auftritt, muß sich ein Weg denken lassen, der von den Augenzeugen der berichteten Tatsache bis zum Berichterstatter führt. Anders aber bei der Sage, die nur zum Teil aus Überlieferungen, zum Teil aber aus der Phantasie schöpft“. Von einem solchen Wege, wie Gunkel ihn in jenem ersteren Satze beschreibt, kann in bezug auf die Erzählungen, die vom Auftreten des Menschen bis zum Schlüsse der sogenannten ״Urgeschichte“ (1. Mos. 11) laufen, nach seiner Ansicht ״im Ernste keine Rede sein“, obgleich auch das, wenn man die Elastizität des Gedächtnisses der schriftlosen Zeit (s. 0.) und die auch in der Urgeschichte bemerkten Kulturfortschritte2) beachtet, nicht so absolut sicher behauptet werden kann. Aber ״auch für die Väterzeit ergeben sich die allerstärksten Bedenken“, bemerkt Gunkel, S. X. Indes läßt sich denn auch da kein Weg denken, der von den Augenzeugen der berichteten Tatsachen bis zum Berichterstatter führt? Diese Frage stellt jener Genesiserklärer gar nicht ausdrücklich, aber er sagt: ״Aus der Zeit, da Israel in Ägypten lebte, wird nichts erzählt; hier soll die geschichtliche Erinnerung also außer einigen Stammbäumen ausgelöscht gewesen sein. Über die Patriarchenzeit aber sind eine Fülle von unbedeutenden Einzelheiten berichtet. Wie ist es denkbar, daß ein Volk kleine und kleinste Züge aus der Geschichte seiner Vorfahren inMenge behält? Mündliche Überlieferung ist nicht imstande, derartige Einzelzüge in solcher Frische so lange Zeit hindurch in ג) Tacitus, Annalen, Buch II, cap. 55: ״Nie Plancina se intra decora feminis tenebat, sed exercitio eqnitum, decursibus cohortium interesse, in Agrippinam, in Germanicum contumelias iacere etc.“ 2) 1. Mos. 4, 17 ff. nsw.: den Einzelbeweis kann man in meinem Genesiskommentar S. 87—90 finden.