Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 514 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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5M Erziebimgsfragen. grüßt zu werden. Für die große Mehrheit, die mehr passiv als gestaltend ist, muß aber ein natürlicher, d. h. im Tempo mäßiger Gang der Dinge abgewartet werden. Da müssen die Wurzeln jüdischer Erziehungskunst. Lehr- und Elternhaus, wieder in ihr Recht rücken. Wenn ich den Wert des Elternhauses so unterstreiche, so leiten mich dabei Wahrnehmungen, die nicht anders zu deuten sind. Die verhängnisvolle, fast trostlose Lage der rumänischen Judenheit — ich kenne nur die Walachei, höre aber, daß auch in der Moldau im Prinzip ähnliche Befürchtungen Geltung haben — kann nur aus der Indolenz der Familien heraus, ihrem begreiflichen aber für die jüdische Gesinnung gefährlichen Bemühen, die Rechtlosigkeit im Lande durch Wohlhabenheit, Bildung und Entjudung zu überwinden, begriffen werden. Weder Charakterfestigkeit noch liebevolle Bewahrung jüdischer Art, geschweige jüdisches Geistesleben blüht in den Häusern, und da der Impuls vom Elternhaus fehlt, veröden und entarten die noch zahlreichen Schulen. Ich habe bereits in einem Aufsatz im *Israelit“ 1918 auf das Trostlose dieser Angelegenheit aufmerksam gemacht. — Auch was wir in Rußland erleben, hat nicht zuletzt seinen Grund in der Unzulänglichkeit vieler Häuser. Hier freilich anders als in Rumänien. In Rußland lebt Wille und Liebe und Wissen; nur fehlt die Einsicht in die Zeitfragen und -forderungen dem alten Geschlecht. Und so ist dort die Tragödie von den ״Vätern und Söhnen“ zu einem obligaten Prozeß allüberall geworden. Nicht umsonst spukt das Kapitel von אבות ובנים durch alle Dichtungen, und Birnbaum hat neulich treffend gesagt, daß vielen dieser Konflikt gerade als eine sittliche Not- Wendigkeit erscheint. Wir wollen nicht nur Charaktere haben, sondern auch Talente. Diese bilden sich aber in der Stille. Vielleicht sind wir so arm an Talenten, weil es keine Stille bei uns gibt, oder weil man es verschmäht, still aufzuwachsen. Wir aber wünschen, daß der liebenswürdige Typ des stillen, in Wissen erstarkten Jünglings bald wieder zu erblicken wäre. Wir