Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 510 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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510 Erzielrangsfragen. mir einmal die niederste Klasse einer höheren jüdischen Mädchenschule Liebesgaben ins Feld. Es war ja ein hübscher Zug und uns draußen recht lieb. Ich dankte den Kleinen und nahm die Gelegenheit wahr, ihnen zu erzählen, daß es uns Kämpfern ganz gut gehe, daß es aber viel Tausende jüdische Kinder in Polen und Rußsand gebe, die hungern und frieren. weil ihnen alles fehle. Die zu erfreuen, kleiden und pflegen sei ein größeres Werk, als mir etwas zu schicken. Die kleinen Mädchen wandten nunmehr ihre Fürsorge diesen kleinen unglücklichen Brüdern und Schwestern zu und schickten nach Kalisch allerhand Nützliches. Und so gibts tausend Weger das Herz zu öffnen. Der arme jüdische Gast am elterlichen Tisch, das liebevolle Wort für alle jüdischen Dinge, das im Elternhaus gesprochen wird, die Betätigung von Mizwoth. wohl gar hebräische Klänge, die schon früh an das Ohr des Kindes dringen — sind sie nicht mehr als das Ereignis einer Versammlung in einem Verein? Es konnte nicht ausbleiben. daß durch die zunehmende Politisierung die Vergeistigung gehemmt wurde. Mancher wird das mit dem Hinweis auf die unstreitig zunehmende Lehr- und Lerntätigkeit in Abrede stellen. In der Tat: ich unterschätze weder, daß seit dem Bestehen der Agudas Jisroel mehr ״gelernt“ wird, noch daß durch die zionistische Bewegung jüdisches Wissen und Kenntnis der hebräischen Sprache verbreitet worden ist. Aber das ist ja selbstverständlich: wenn geistig regsame Menschen von einer Bewegung erfaßt werden, so vergeistigen sie sie und werden zunächst für ihre Person das geistige Rüstzeug erwerben und sodann Wissen vermitteln. Endlich gehört ja Erziehung und Wissens Verbreitung ins Programm. Aber ich bin gewiß, keine Übertreibung hier auszusprechen, wenn ich behaupte, daß die Bemühungen, aus der politischen Bewegung eine kulturelle zu machen, die große Mehrzahl nicht weiter ergriffen hat. Und ich fürchte, dies Versagen ist nicht nur auf die Indolenz der Massen, sondern auch auf die Nachsichtigkeit der Führer zurückzuführen. Mit Rücksicht auf das Wohlwollen der Anhängerschaft und die