Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1919)
- Date
- 1919-09-01
- Page
- Seite 492 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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492 Gesetzesfreude. erforderlich war — notfalls saßen einige Vertreter des schönen Geschlechts ״nicht koscher“*) — und wenn alle Tischgenossen mit Kletterkunststücken aneinandergepfercht waren und der Himmel eifr Einsehen hatte und sie nicht beweinte — dann herrschte helle Freude im ״engen4‘ Kreise — auch ohne daß einer der Festteilnehmer daran gedacht hätte: ושמחת בחגךמ“, (du sollst dich freuen an deinem Feste). Als Kinder wetteiferten wir mit den Kindern verwandter und befreundeter Familien in der Ausschmückung der Hütte. War das eine Freude, die Blumen zu befestigen und all die kleinen Zierate! Natürlich dürfen die Bilder der besten Freunde, der Eltern bzw. Großeltern und des Moses in der Laubhütte nicht fehlen und während der acht Tage des Festes hat man Zeit, die Laubhütten der Nächststehenden zu besuchen und die Kunst und den Geschmack zu würdigen und zu bewundern, mit denen sie hergerichtet sind, auf einem Balkon, unter einer Dachluke, aus einem Gartenhäuschen — natürlich auch die ״festgemauert in der Erde״ mit mechanischem Dachaufzug, elektrischer Be- *) Mit Bezug auf die Einleitung dieser Betrachtung möchte ich darauf hin weisen, daß das Wort ״koscher“ zu denen gehört, für die es anderen Sprachen an einem gleichwertigen Ausdruck fehlt und das daher in die Umgangssprache der deutschen Massen übergegangen ist. Wohin solche Übernahme führen kann, hierfür folgendes Beispiel. In dem vor 20 Jahren mit Heranziehung der Gewerkschaften von mir gegründeten Konsumverein ״Produktion“ haben wir einen Mitgliederausschuß, der u. a. die Aufgabe hat, Beschwerden der Mitglieder vor die Verwaltung zu bringen. Eines Tages wurden in der Versammlung dieses Ausschusses Klagen über schlecht gewordene Speckseiten vorgebracht, wodurch die Genossenschaft einen Schaden von vielen Tausenden erlitten haben sollte. Wie immer in solchen Fällen, suchte das für die Schlachterei verantwortliche Vorstandsmitglied die Sache als viel harmloser hinzustellen; so schlecht seien die Speckseiten auch nicht gewesen usw. Ein Ausschußmitglied, das seine "Rechtfertigung aber nicht gelten lassen wollte, schloß seine Entgegnung mit dem eindrucksvollen Satz: Sie können nun sagen was sie wollen, ganz koscher waren die Speckseiten nicht! Der Redner wußte gar nicht wie recht er hatte. Außer mir war noch ein Jude in der Versammlung. Instinktiv suchten sich unsere Blicke und wir hatten unsere stille Freude, die kein anderes Mitglied der Versammlung teilte.